Zwei Welthandballer sagen "Servus" - Kyung-Shin Yoon
Kyung-Shin Yoon mit seinem langersehnten Pokal
Foto: Christopher Monz
Wenn am Samstag gegen 16.30 Uhr die letzten Spiele der Saison 2007/08 abgepfiffen werden, dann fallen im Nordhorner Euregium und in der hamburgischen Color Line Arena auch die Vorhänge für zwei Welthandballer, die ihrer Bundesliga "Servus" sagen und die diese über ein Jahrzehnt nachhaltig geprägt haben: Daniel Stephan, Welthandballer 1998, und Kyung-Shin Yoon, Titelträger 2001, beenden ihre beispiellosen Karrieren. Daniel Stephan und Kyung-Shin Yoon - in der Ära des modernen Tempohandballs, in dem bereits Jugendspieler das Geheimnis der "schnellen Mitte" verinnerlichen, wirken diese beiden 34-Jährigen wie Relikte einer längst vergangenen Zeit. Doch Stephan und Yoon zeichnet aus, dass sie den Wechsel vom Positionsspiel zum Hochgeschwindigkeitshandball geschafft, ja mitgeprägt haben. Ihr Können ließ sie vor und nach Einführung der schnellen Mitte reüssieren - gerade das belegt ihre einzigartige Klasse. Lesen Sie folgend einen Bericht über die Karriere von Kyung-Shin Yoon und => HIER <= den ersten Teil über Daniel Stephan.
Kyung-Shin im Nationaltrikot
Foto: Michael Heuberger
Drei Jahre nach Daniel Stephan wählte die Fachwelt Kyung-Shin Yoon zum Welthandballer 2001. Zuvor hatte der Koreaner in der Mammutsaison 2000/2001 mit 20 Bundesligisten und dementsprechend 38 Bundesligaspielen einen Rekord für die "Ewigkeit" aufgestellt: Für den VfL Gummersbach erzielte "Nick" 324/76 Tore. Als Torschützenkönig der WM 1995 kam Yoon im Spätherbst 1995 nach Gummersbach. Trotz fehlender Deutsch- und Englischkenntnisse, Schwierigkeiten bei der Anpassung an die europäische Ernährung und der für ihn ungewohnten physisch harten Spielweise in der Bundesliga biss sich der Linkshänder durch. So überraschten ihn die Pfiffe gegnerischer Fans in fremden Hallen - eine im höflichen Asien völlig unbekannte Erscheinung.
Schon in seiner ersten kompletten Saison 1996/97 wurde er Torschützenkönig der Liga. Seine Torgefährlichkeit resultierte aus einem einzigartigen Wurfrepertoire und seiner phänomenalen Körperbeherrschung. Trotz seiner 2,04 Meter Körpergröße zeigte Yoon etwa regelmäßig Tore per Kempa-Trick oder als Dreher gegen den entgegenstürzenden Torwart. Und "sein Wurf nach Kreuzung auf Halblinks ist nicht haltbar", urteilte Andreas Thiel einmal. "Als Torwart musst du dich für die kurze Ecke entscheiden, aber Yoon zieht den Arm dann noch ganz herum und wirft auf die lange Ecke." Und Christian Ramota anerkannte: "Der hat Bewegungen drauf, die kennen wir Europäer gar nicht." Weil Yoon trotz manch rüder Attacke auch nie schwerer verletzt war, sorgte er als Torschütze für Rekorde am Fließband. Sieben Mal wurde der Koreaner Torschützenkönig der Handballbundesliga. In den übrigen fünf kompletten Jahren - die Saison 1995/96 spielte Yoon nicht vollständig mit - erreichte er mindestens eine Platzierung unter den Top Ten der Torjägerliste.
In zehn Spielzeiten, neun davon in Folge (1996/97 und 1998/99 bis 2006/07), beendete Kyung-Shin Yoon die Saison mit 200 oder mehr Toren insgesamt (Tore einschließlich Strafwürfe) - selbstverständlich ein Unikum. Auf die Attacken seiner Gegenspieler reagierte der Koreaner, indem er noch schneller abschloss, statt den Strafwurf zu ziehen: 2003 brachte er es fertig, durchschnittlich 7,06 Feldtore pro Spiel beizusteuern - ein einzigartiger Wert. Wie einzigartig verdeutlicht ein Blick auf die Bestmarken früherer Jahre in dieser Kategorie: Seit 1986 stand die Leistung des Polen Jerzy Klempel von 6,69 Feldtoren/Spiel für FA Göppingen wie in Stein gemeißelt - bis Yoon kam. Der Koreaner übertraf diese Marke 1999 (6,93) und 2000 (6,76) und dann eben 2003, scheiterte 2001 (6,53) ebenso knapp wie Holger Glandorf (6,61) im vergangenen Jahr 2007 - sonstige Konkurrenz nicht in Sicht, schon gar nicht an der "7er-Marke".
Kyung-Shin Yoon im Halbfinale der Champions League
Photo: Uwe Stelling - foto-stelling.de
Als erster Spieler der Bundesligageschichte erzielte Yoon auch mehr als 200 Feldtore in einer Saison. Mit 201 Feldtreffern in der Spielzeit 1998/99 löschte er Klempels Uraltrekord aus der Saison 1985/86 von 174 Feldtoren für FA Göppingen aus, an dem sich zuvor so namhafte Akteure wie Bogdan Wenta (170 für TuS Nettelstedt), Alexander Tutschkin (161 für TuSEM Essen 1993) und Nedeljko Jovanovic (160 für Rheinhausen 1996) vergeblich versucht hatten. 200 Feldtore in einer Saison - an sich schon eine mehr als beeindruckende Leistung, die zwischenzeitlich auch Nenad Perunicic (216 für Kiel 2001), Roman Pungartnik (204 für Wilhelmshaven) und Jan Filip (202 für Nordhorn, beide 2003), Alexandros Vasilakis (206 für Düsseldorf 2006), sowie Gudjon Sigurdsson (217 für Gummersbach), Holger Glandorf (205 für Nordhorn) und Kim Andersson (202 für Kiel, alle 2007) je einmal erreicht haben - ein Nikola Karabatic dagegen noch nie. Doch Yoon legte nach, wiederholte diese außergewöhnliche Leistung 2000, 2001, 2002 und 2003, und übertraf die 200 Feldtore-Marke insgesamt fünfmal. Konsequenz dieser ohnehin schon beispiellosen Werte: am 27. Mai 2006 gegen Flensburg durchbrach Yoon als erster Spieler der Bundesligageschichte auch die Schallmauer von 2.000 Feldtoren. Zwischenzeitlich ist mit Christian Schwarzer zwar ein weiterer Spieler in diesen illustren 2.000er-Klub aufgestiegen, doch hat Yoon die Zahl seiner Feldtore bereits auf 2.258 ausgebaut.
Mit 2.897/639 Toren nimmt er unangefochten die Spitzenposition der "ewigen Torschützenliste" ein - drei Treffer fehlen ihm vor dem letzten Spieltag noch zur Marke "2.900". Seine 18/8 Tore aus der Partie des HSV Hamburg gegen Lemgo in der letzten Saison bedeuten die zweitmeisten Tore in einem Spiel hinter Göppingens Jerzy Klempel (19/3). Und in der Liste der besten Siebenmeterschützen der Bundesligahistorie findet sich Yoon auf Platz 5 wieder, 639 seiner 830 Strafwurfversuche fanden ihr Ziel - eine Karrierequote von 76,98 Prozent. Am 26. Spieltag der Saison 2003/2004 verwandelte er in einem Spiel (und zwar immerhin gegen Wallaus Zoran Djordjic!) 10 von 10 Strafwürfen - eine Leistung, die vor ihm nur dem Leipziger Frank Mühlner in der Saison 1991/92 gegen Dessau gelungen war und gleichzeitig ein Wert, den zwischenzeitlich nur Daniel Stephan mit elf in einem Spiel verwandelten Siebenmetern übertroffen hat.
Yoons Tore hielten den VfL Gummersbach in wirtschaftlich und 2001 sogar sportlich schweren Zeiten in der Liga. Seine Nibelungentreue zum oberbergischen Traditionsklub trotz lukrativer Offerten aus dem In- und spanischen Ausland, aus Kiel und Barcelona, wurde sprichwörtlich, legendär sein Kommentar zu Gerüchten um einen Rückzug des VfL Gummersbach Ende der 90er Jahre: "Ich bin hier der Letzte der geht, der, der das Licht ausmacht." Nach einer Dekade beim VfL, der ihn nach Joachim Deckarm als zweiten Spieler überhaupt in sein vereinsinternes "All-Star-Team" aufnahm, wechselte Yoon 2006 zum HSV Hamburg. Mit den Hanseaten gelang ihm der langersehnte Titelgewinn. Vergangene Saison holte der HSV den Europapokal der Pokalsieger an die Elbe. Das entscheidende Tor bei der 33:37-Niederlage im Rückspiel bei Ademar Leon erzielte acht Sekunden vor Schluss - natürlich - der 10/1-fache Torschütze Kyung-Shin Yoon. Kritikern, die ihn beim VfL Gummersbach als Alleinunterhalter abstempelten, bewies er im hanseatischen Starensemble, dass er auch in einer ausgeglichen besetzten Mannschaft zu spielen versteht.
Seine Nationalmannschaft führte der Ausnahmeathlet zu vier Asienmeisterschaften. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen blieben den Südkoreanern mangels der nötigen Breite im Kader Medaillen jedoch verwehrt. Dreimal - 1993 (gemeinsam mit dem Schweizer Marc Baumgartner), 1995 und 1997 - wurde er immerhin WM-Torschützenkönig und - wenig verwunderlich - auch zum erfolgreichsten Torschützen der Handball-WM-Geschichte. 1995 und 2001 beriefen ihn die Beobachter für "seine" halbrechte Position ins All-Star-Team des WM-Turniers. Trotzdem waren "Nick" Yoon auch seine mehr als 260 Auftritte im Nationaltrikot immer eine selbstverständliche Ehre; so ließ er sich wiederholt trotz laufenden Bundesligabetriebs zu den Asienspielen fliegen, um seinen Landsleuten zu helfen.
Mit seiner vierten (!) Olympiateilnahme im August in Peking erfüllt sich für Kyung-Shin Yoon ein letzter sportlicher Traum. Noch vor Monaten hatte dieser nach der skandalösen Qualifikation des Asiatischen Handball-Verbands zu platzen gedroht, als offensichtlich parteiische Schiedsrichter aus Jordanien die Mannschaft Kuweits im entscheidenden Duell gegen Südkorea zum Sieg pfiffen. Nach den Spielen kehrt Kyung-Shin Yoon mit seiner Frau Soon-Kyu Kwon und seinem in Gummersbach geborenen Sohn Jae-June zurück in seine Heimat, wo er noch drei Jahre in Seoul spielen möchte. Ein Sportmarketingstudium soll eine spätere Laufbahn im Handball ebnen helfen. Eine zweite Heimat wird er immer in Deutschland, vor allem in Gummersbach haben. Die Wertschätzung der VfL-Fans ist auch zwei Jahre nach seinem Wechsel ungebrochen. Gummersbach und die Bundesliga werden ihren Rekordtorschützen nicht vergessen. Danke Kyung-Shin Yoon, danke "Nick".