Trainer, Manager und Geschäftsführer reden über Sorgen und Ziele der HSG
Geerken: "Dotzauer geht nie ganz"
23.08.2006
Bei Handball-Bundesligist HSG Wetzlar brechen neue Zeiten an. Das war bei der lockeren Diskussionsrunde vor dem Saisonstart im Wetzlarer Pressehaus nicht zu übersehen. Seelenruhig plauderte Torwart Axel Geerken über seine neuen Aufgaben an der Seite von Rainer Dotzauer im Management, statt sich im Training zusammen mit seinen Mannschaftskollegen auf das erste Spiel am Freitag gegen Vize-Meister SG Flensburg-Handewitt (Anwurf: 20 Uhr, Rittal-Arena) vorzubreiten. HSG-"Macher" Dotzauer freute sich über die Unterstützung im Tagesgeschäft und verriet zusammen mit Trainer Dragan Markovic, wie die Grün-Weißen das "wohl schwierigste Jahr" in bisher insgesamt neun Spielzeiten im Oberhaus überstehen wollen.
Wie sieht die neue Aufgabenverteilung aus?
Rainer Dotzauer: Mein Schwerpunkt wird der sportliche Bereich sein. Axel Geerken ist neben Ruth Klimpke weiterer Geschäftsführer und betreut die wirtschaftlichen Dinge. Ich bin Manager oder Sportlicher Leiter. Für eine Übergangszeit machen wir das zusammen. Axel Geerken wird irgendwann alleiniger Geschäftsführer und Ruth Klimpke Leiterin der Geschäftsstelle sein. Wann das soweit sein wird, da wollen wir uns noch nicht festlegen. Bis zur WM im Januar wird es so laufen, vielleicht auch länger. Es hängt auch davon ab, ob wir Axel sportlich noch brauchen.Axel Geerken, ist Ihnen der Wechsel schwergefallen?
Axel Geerken: Bis jetzt noch nicht. Ich hatte viel zu tun. Vielleicht kommt es noch, wenn die Saison beginnt. Meine neue Aufgabe macht mir großen Spaß. Es war ja auch mein Ziel, das zu tun. Ich trainiere derzeit viel weniger und stehe noch beim HSG Juniorteam im Tor.Kann es sich die HSG leisten, den besten Mann im Kampf um den Klassenerhalt in der Saison 2005/2006 in ihre Geschäftsstelle zu setzen?
Dotzauer: Axel Geerken wird nicht in die Geschäftsstelle gesetzt, sondern soll eine entscheidende Position übernehmen. Zum Zeitpunkt: Wir mussten es irgendwann mal versuchen. Das gilt aber für die gesamte Mannschaft. 2006/07 wird ein Jahr des Umbruchs sein. Wir gehen weiterhin unseren Weg mit jungen Spielern. Ich hoffe, es klappt.
Dragan Markovic: So wie Axel Geerken den zweiten Teil der Runde gespielt hat, braucht ihn eigentlich jeder. Niko Weber muss sich steigern, das ist klar. Er hat die Chance seines Lebens und die Voraussetzungen, ein guter Torwart zu sein. Wenn er so weiter arbeitet, ist er scharf. Für Valter Matosevic hoffe ich, dass er bald zu alter Klasse kommt, damit wir nicht irgendwann den Manager ins Tor stellen müssen. Valter Matosevic spricht nicht sehr gut Deutsch. Führt das nicht zu Verständigungsproblemen auf dem Feld?
Markovic: Ich erwarte nicht, dass er gut Deutsch spricht, sondern dass er gut hält.
Welche Rolle spielt Gennadij Chalepo? Wird er noch in der Bundesliga auflaufen?
Markovic: Er ist jetzt mein Co-Trainer. Wir teilen uns die Arbeit. Er ist ein sehr erfahrener Mann und sieht viel.
Geerken: Außerdem trainiert Gennadij auch noch das Juniorteam.
Dotzauer: So ist eine optimale Verzahnung unserer Teams gegeben, zumal der letztjährige Co-Trainer und jetzige Athletik-Coach Axel Spandau die A-Jugend betreut.Herr Dotzauer, mit welchen Gefühlen sehen Sie den Umbruch?
Dotzauer: Ich bin fast erleichtert. Ich hatte große Angst, den Umbruch in der Zweiten Liga machen zu müssen. Jetzt machen wir ihn in einer Phase, in der wir noch oben sind und haben die geeigneten Leute dafür. Für mich wird es auch danach noch Aufgaben bei der HSG geben. Beispielsweise im Aufsichtsrat. Ich bin riesenfroh, dass das Tagesgeschäft jetzt auf mehreren Schultern verteilt ist.
Geerken: Rainer Dotzauer geht nie ganz. Das ist unvorstellbar, das ist sein Verein. Auch wenn ich einmal alleiniger Geschäftsführer bin. Herr Markovic, als Nachfolger von Martin Schwalb sind Sie nach sieben Spielen in kaltes Wasser geworfen worden.
Markovic: Das war kein kaltes Wasser für mich. Ich war Druck als Spieler und als Trainer gewohnt. Von 18 Bundesliga-Vereinen hatte nur einer einem jungen Trainer eine Chance gegeben. Ich war davon überzeugt, dass diese Mannschaft nie absteigen kann und habe diese Chance genutzt. Ich habe eine junge Truppe, der ich vertraue. Auch wenn die Vorbereitung wegen zahlreicher Verletzungen nicht optimal lief. So, wie wir gearbeitet haben, müssen wir den Klassenerhalt schaffen. Warum hat die HSG Alexis Alvanos nach Gummersbach ziehen lassen?
Dotzauer: Er hat die Chance seines Lebens gesehen. Da bringt es nichts, ihn zu halten. Savas Karipidis und Lars Kaufmann sehen das anders. Kaufmann baut seine Karriere anders auf, er denkt längerfristig. Alvanos muss für seine Familie in Griechenland in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Ohne Kaufmann hätte es in der vergangenen Saison schlecht ausgesehen.
Markovic: Ohne so eine Keule wäre es schwer zu schaffen gewesen. Er ist einer der wenigen, die so aus der zweiten Reihe treffen. Ich bin froh, dass er noch da ist.
Dotzauer: Im Zuge unserer Bemühungen um Kontinuität, werden wir schon bald Gespräche mit ihm über eine Vertragsverlängerung führen.
Wird der noch immer am Knie verletzte isländische Kreisläufer Robert Sighvatsson irgendwann wieder Handball spielen können?
Dotzauer: Er hat noch einen Vertrag für diese Saison, ist aber krankgeschrieben. Unklar ist, ob er überhaupt noch einmal aktiv werden kann. Wir können nicht mit ihm planen und hoffen, dass Sebastian Weber in der Punktrunde das umsetzen kann, was er in der Vorbereitung gezeigt hat. Er wird besser und besser.
Ist es schlecht für die Liga, wenn einige Vereine durch das Verpflichten von Topstars immer stärker werden?
Geerken: Die Topspieler sind auf mehrere Vereine verteilt, und in der Bundesliga passieren auch immer wieder mal Überraschungen. Grundsätzlich finde ich es gut, dass wir eine starke Liga haben. Für uns wird es aber immer schwieriger. Denn wir versuchen, junge Leute auszubilden und so den Anschluss zu halten. Der Dauerkartenverkauf läuft gut. Liegt das mit an den Topstars, die die Gegner mitbringen?
Geerken: Es liegt nicht nur daran, dass Topstars kommen. Durch die neue Halle in Wetzlar haben wir auch neue Fans gewonnen. Wenn wir weiter leidenschaftlich kämpfen, werden die Zuschauer auch weiter kommen.
Markovic: Wir haben zu Hause guten und attraktiven Handball gespielt. Die Leute kommen nicht nur, weil Top-Mannschaften wie der TBV Lemgo da ist, sondern auch, weil sie unsere jungen Spieler wie Lars Kaufmann, Mario Clößner und Andreas Lex sehen wollen.
In der vergangenen Saison war oft Mitte der zweiten Halbzeit die Luft draußen. In den ersten sechs Jahren Bundesliga war das anders.
Markovic: Da gab es auch eine doppelte Besetzung, und die erste war besser als meine. Ich habe sechs Monate quasi mit sieben Leuten durchgespielt. Wenn ich noch zwei Leute zusätzlich gehabt hätte, hätte es ganz anders ausgesehen. Konditionell haben wir zu den am besten vorbereiteten Mannschaften gehört.
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