"Wir haben zu viele Mitläufer"
Handball-Bundesliga: Nach Finalpleite wachsende Kritik an Trainer Chevtsov
Vom 14.05.2008
br. MANNHEIM Ist der Trainer der Sündenbock? Oder gar das Bauernopfer? Der zweite Platz beim Europapokal der Pokalsieger war für die Rhein-Neckar Löwen zwar der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte. Doch zufrieden ist man in Mannheim nicht.
Vor den beiden abschließenden Ligabegegnungen zu Hause gegen den Ligadritten SG Flensburg-Handewitt (heute, 20.15 Uhr) und am Samstag, 17 Uhr, beim Wilhelmshavener HV liegen die Raubkatzen zwar auf dem vierten Platz. Im DHB-Pokal erreichten die Löwen in dieser Spielzeit zum dritten Mal in Folge das Finale. Eigentlich könnte man beim Kurpfälzer Handball-Bundesligisten zufrieden sein. Doch nach der erneuten Niederlage in einem wichtigen Finale gerät Coach Iouri Chevtsov bei den Fans immer mehr in die Kritik.
Im Forum der vereinseigenen Homepage bekommt der 48-jährige Weißrusse, der 1997 mit dem TBV Lemgo Deutscher Meister und gleichzeitig zum Trainer des Jahres gewählt wurde, sein Fett ab: "Schlecht fand ich einzig und allein (neben der Chancenauswertung natürlich) den Trainer. Ein Chef, der das komplette System genau in dem Moment umschmeißt, wenn man aufholt, hat für mich auf keinen Fall internationales Niveau", schreibt ein Fan. Ein anderer Anhänger meint: "Der Trainer fand, wie schon während der ganzen Saison, erst sehr spät oder überhaupt keine Lösungen für die Probleme im Spiel." Schließlich wird sogar gefordert: "Ich hatte das Gefühl, dass manche (Spieler) auf direkter Konfrontation gegen den Trainer gespielt haben!!! Es ist an der Zeit, dass ein Neuer auf dem Trainerstuhl Platz nimmt und neue Akzente setzt!" Chevtsov ein Bauernopfer? Oder sind die Vorwürfe berechtigt?
Tatsache ist, dass die Rhein-Neckar Löwen unter dem erfahrenen Coach, der mit Tusem Essen 2005 EHF-Pokalsieger wurde und mit Lemgo neben der Meisterschaft auch noch einen DHB-Pokal-Titel sowie zwei Supercup-Siege feiern durfte, zwar in insgesamt vier großen Endspielen standen, aber immer versagten. 2006 scheiterte der vor sechs Jahren aus den beiden Vereinen TSV Östringen und TSG Kronau hervorgegangene Fusions-Klub unter der Führung von Chevtsov im DHB-Pokalfinale am HSV Hamburg (25:26). Im Jahr darauf war im gleichen Wettbewerb erneut im Finale der THW Kiel (31:33) der Bessere. "Ich habe große Spieler, das ist die Mannschaft, die ich mir immer gewünscht habe", sagte Chevtsov vor dieser Spielzeit. Im Supercup-Endspiel in München vor dem Saisonstart kamen die Raubkatzen allerdings gegen Kiel mit 31:41 schwer unter die Räder. Am vergangenen Samstag hatte Chevtsov seine vierte Chance als Coach der Löwen, die er seit 2005 trainiert, endlich einen Titel zu gewinnen. Doch wieder reichte es nicht. Nach der 32:37-Hinspielniederlage bei MKB Veszprém reichte den Ungarn im zweiten Spiel ein 28:28 in der Mannheimer SAP Arena, um bei den Raubkatzen für Katzenjammer zu sorgen.
"In der ersten Viertelstunde haben wir gut gespielt. Aber wir haben es in dieser Phase nicht geschafft, eine Zwei-Tore-Führung herauszuspielen. Im Angriff war die Chancenverwertung sehr schlecht. In der Deckung hat es nicht gestimmt." Nach dem zweiten Platz war die Enttäuschung bei Chevtsov groß: "Selbstverständlich will man immer gewinnen, wenn man in einem Finale steht. Aber die Mannschaft ist erst seit Dezember zusammen. Wir müssen eben weiterarbeiten." Dass der Rückraum gerade auf der linken Seite mit Karol Bielecki und Sergej Harbok versagte, nahm der Trainer zur Kenntnis: "Da kam wirklich nichts." Dass er mit Slawomir Szmal zunächst auf den falschen Keeper gesetzt hatte und Henning Fritz zu spät brachte. Dass die Umstellungen in Angriff und Abwehr ebenfalls nicht mehr die Wende brachten. Auch das sind Kritikpunkte, die sich der Coach anhören muss. "Es hat eben nicht alles geklappt", meinte Chevtsov nur.
Da der THW Kiel sein Champions-League-Finale gegen Ciudad Real am Wochenende ebenfalls verlor, ist die angepeilte Qualifikation der Löwen für die Königsklasse höchstwahrscheinlich gescheitert. Auch wenn Löwen-Geschäftsführer Thorsten Storm sagt: "Die Europäische Handball-Föderation entscheidet am Ende. Im vergangenen Jahren haben die Spanier auch vier Startplätze bekommen, obwohl die Champions-League damals Kiel gewonnen hat. Nun gehe ich davon aus, dass diesmal die Bundesliga den Joker bekommt, wenn es noch einen freien Platz geben sollte."
Platz vier in der Bundesliga ist für Storm deshalb ein absolutes Muss. "Eins der beiden letzten Spiele muss gewonnen werden. Am schönsten wäre es natürlich für mich, wenn wir mit einem Sieg gegen Flensburg das Ziel erreichen", sagt der Geschäftsführer, der im Rückblick auf Samstag zugibt: "Es ärgert mich immer noch, dass ausgerechnet in so einem wichtigen Finale der ein oder andere Akteur nicht bei der Sache war. Die Halle und das ganze Umfeld waren am Samstag schon auf Champions-League-Niveau. Leider waren es einige Akteure nicht. Das müssen wir genau analysieren und danach unsere Schlüsse ziehen. Wir haben noch zu viele Mitläufer." Die aufkommende Kritik am Trainer lässt Storm jedenfalls (noch) kalt. Chevtsov habe Vertrag bis Juli 2009, wiegelt der Manager ab.
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