Kieler bezahlen, um zu spielen
THW schenkt der SG Wallau/Massenheim 10000 Euro / 2300 sehen 49:46
Es gibt Menschen, denen etwas an der SG Wallau/Massenheim liegt, die für den Handball-Bundesligisten gar quer durchs Land reisen. Stefan Kretzschmar kam vorbei. Der THW Kiel brachte sogar 10000 Euro mit, um gegen die SG zu spielen und siegte frei von allen Zwängen 49:46.
Der Mann befand sich auf der Durchreise von Magdeburg nach Irgendwo und hatte nicht wirklich viel Zeit mitgebracht. Doch bemerkenswerter als diese Tatsache war, dass er sich trotzdem eine Stunde freigeschaufelt hatte, an seinem freien Tag einen enormen Aufwand auf sich nahm. Um 13.30 Uhr war sein Zug in Frankfurt am Main angekommen und prompt fiel er, der zu den berühmtesten 100 deutschen Sportlern gehört, den Passanten auf. "Ist das nicht der...?" "Ja, das ist..."
Um kurz nach 14 Uhr betrat Stefan Kretzschmar die Höchster Ballsporthalle, die Tasche (mutmaßlich sein ganzes Reisegepäck) legere über die rechte Schulter gehängt, grüßte freundlich in die Runde und sagte, dass er an diesem schönen Sonntag ja eigentlich gerne mal für die Wallau/Massenheim gespielt hätte. "Aber ich darf ja leider nicht." Am Vorabend durfte er noch, verlor mit dem SC Magdeburg beim TBV Lemgo. Sei´s drum.
Für seinen Freund und Trauzeugen Martin Schwalb ist er trotzdem gern einen halben Tag durch die Weltgeschichte gereist, um ihm diesen Gefallen zu tun. "Unglaublich", freute sich Schwalb, "dass er so etwas für uns macht. Das ist wirklich nicht normal." Eine Dreiviertelstunde und grob geschätzt 10000 Autogramme später hastete Kretzschmar weiter, entschuldigte sich: "Hab´ noch einen Termin..."
"Das muss man sich mal geben. Der war nur wegen uns da, nur wegen diesem Benefizspiel", sagte Marc Gramm. Der Gesellschafter der Spielbetriebs-GmbH war überwältigt, von Kretzschmar, vom THW Kiel, von der "Solidarität der Konkurrenten im Rhein-Main-Gebiet" und hätte sich am liebsten bei allen persönlich mit Handschlag bedankt. Genauso wie bei jedem der 2300 Zuschauer, den es in die Ballsporthalle und nicht in die Frankfurter City zum verkaufsoffenen Sonntag gezogen hatte. Während Schwalb etwa die Zuschauerzahl mit großer Begeisterung kommentierte ("Eine absolut super Geschichte, ein Votum für den Handball hier"), hatte sich Marc Gramm schon ein paar mehr Fans gewünscht. "2300 sind okay, aber gut wären 4200 gewesen", sagte er und musste wieder einmal feststellen, "dass die Akzeptanz für Erstliga-Handball und das Zugehörigkeitsgefühl in der Region nicht so ausgeprägt sind, wie wir alle gedacht haben". Begeisterung hört sich anders an.
Würden doch bloß alle so denken wie der THW Kiel, der in Bestbesetzung (aber ohne den verletzten Christian Zeitz) alles in allem 1180 Kilometer zurücklegte, um den Wallauern unter die Arme zu greifen. Ein kleines Gastgeschenk brachten die Nordlichter auch mit: 10000 Euro. Damit genug der Kieler Geschenke. Die Schützlinge von Noka Serdarusic wollten sich - auch wenn es um nichts ging - auf dem Feld keine Blöße geben, zielten beim körperlosen Schauwerfen etwas genauer als die Wallauer Kollegen (beste Werfer beim 46:49: Igor Lawrow 8/1 Tore, Dominik Klein 7/2 - Adrian Wagner 10, Stefan Lövgren 8/1).
Sollen sie doch, mochte sich Martin Schwalb denken, "wir werden diese Niederlage beim Auswärtsspiel in Kiel in einen Sieg ummünzen." Am 11. Mai treten die Wallauer in der ausverkauften Ostseehalle an. Übrigens: Mit den Kieler 10000 Euro dürften die Wallauer ihr erklärtes Einnahmeziel für dieses Benefizspiel von 30000 Euro überboten haben.
Und das ist gut so, fand Pascal Roller, Kapitän des Basketball-Meisters Opel Skyliners. "Für mich persönlich", sagt Roller, dessen Vater übrigens Kieler ist, "ist es schwer denkbar, wenn es in dieser Region keinen Erstliga-Handball mehr geben würde. Wallau hat Tradition. Wallau gehört in die Bundesliga." Dieser Meinung würde sich "Kretzsche" glatt anschließen. Im Frühjahr 2004 war der Ex-Nationalspieler bei den Wallauern als Neuzugang im Gespräch. Das Angebot seines Arbeitgebers SC Magdeburg war schließlich zu lukrativ, um es ausschlagen zu können. Schade für Wallau, aber gut zu wissen: In der Not würde dieser Mann auf allen Vieren angekrochen kommen, um zu helfen.
Quelle: Wiesbadener Tagblatt, Henning Kunz