Interview mit Claus Horstmann
„Die Organisation und wirtschaftliche Struktur solide gestalten“
[Claus Horstmann: geboren 1964 in Iserlohn, ist seit 1999 Hauptgeschäftsführer des 1. FC Köln, seit 2002 Geschäftsführer der 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA sowie seit August 2007 Aufsichtsratsvorsitzender der VfL Handball Gummersbach GmbH.]
Herr Horstmann, warum haben Sie das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden beim VfL angenommen?
Hans-Peter Krämer und Jochen Kienbaum sind im Mai auf mich zugekommen, dann haben wir noch einige Gespräche geführt. Ausschlaggebend war die Herausforderung, den VfL langfristig auf eine solide Basis zu stellen.
Sie sind als Mann bekannt, der sich nicht von der emotionalen Seite des Sports leiten lässt.
Emotionen sind im Sport natürlich elementar, und ich habe sie auch, selbst wenn ich diese Seite nicht nach außen kehre. Der entscheidende Unterschied zu anderen Wirtschaftszweigen ist, dass die Jungs in den kurzen Hosen in ihren 60 oder 90 Minuten des Glückes Schmied sind. Daher ist die zielführende Steuerung schwierig, was aber auch einen großen Reiz bedeutet.
Auch das Umfeld hat beim Sport ein großes Gewicht…
Ja, das Umfeld mit den Fans, den Partnern, der Politik und den Medien reagiert auf alles und redet mit. In der Wirtschaft macht man eine Jahresbilanz, danach geht es weiter. Im Sport ist nach der Saison immer ein Abschnitt zu Ende, im Extremfall mit einem Auf- oder Abstieg. Und wir haben jede Woche eine „Bilanz-Pressekonferenz“, stehen laufend auf dem Prüfstand.
Wie haben Sie in den vergangenen Jahren den VfL als Außenstehender wahrgenommen?
Im Verwaltungsrat des 1. FC Köln haben Hans-Peter Krämer und ich immer versucht, Parallelen zu ziehen und voneinander zu lernen. Ganz bewusst habe ich den VfL in den letzten zwei, drei Jahren wahrgenommen – durch seine vielen Spiele in der Kölnarena und die Erfolgsgeschichte, die der VfL schrieb, als er sich vorne in der Tabelle zeigte.
Und welches Bild sehen Sie jetzt als Insider?
Noch würde ich mich nicht als Insider betrachten. Aber ich sehe für den Aufsichtsrat die wesentliche Aufgabe darin, die Organisation und wirtschaftliche Struktur solide gestalten zu können, sodass der Verein zukunftsfähig ist. Für den sportlichen Erfolg wurden finanzielle Lücken in Kauf genommen, aber man kann nicht mit Verlusten nach vorne planen. Wir müssen für die wirtschaftliche Basis neue Einnahmestrukturen erschließen. Im organisatorischen Bereich brauchen wir eine starke Geschäftsführung für das operative Geschäft, wir müssen den Aufsichtsrat aus operativen Dingen herausnehmen.
Sie sind beim VfL angetreten, um Dinge voranzubringen. Was wollen Sie zuerst anpacken?
Ich stehe beim 1. FC Köln in einer anderen Funktion als beim VfL Gummersbach, wo im Aufsichtsrat perspektivisch nicht die Entscheidungen getroffen, sondern Erfahrungen ausgetauscht und langfristige Strategien entwickelt werden sollen. Der Aufsichtsrat soll eine unterstützende und kontrollierende Funktion erfüllen und die Organisation aufstellen. Ich bringe Know-how mit, mit dem man Lösungen finden kann. Dem Trainer einen Sportdirektor mit Kompetenz an die Seite zu stellen, war schon vor meinem Amtsantritt eine gute Entscheidung mit Signalwirkung, um den sportlichen Bereich operativ zu stärken. Jetzt ist es ganz wichtig, organisatorische Klarheit zu schaffen, die Verantwortlichkeiten aufzuteilen und ein tragfähiges Team zu schaffen. Darüber werden wir uns zeitnah in der nächsten Aufsichtsratssitzung unterhalten und eine Lösung finden, hinter der alle stehen. Daraus ergibt sich eine klare Zielausrichtung mit tragfähigen Entscheidungen.
Welche Zielvorgaben können Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen im Fußball auf den VfL übertragen?
Man kann nicht alles vergleichen. Aber der Handball hat sich schon hinter dem Fußball und vor dem Eishockey und Basketball als zweite Mannschaftssportart etabliert. Jetzt müssen wir beim VfL sehr stark daran arbeiten, die Loyalität der Zuschauer zu gewinnen. Der VfL braucht unbedingt höhere Besucherzahlen. Man sieht im Fußball, wie die Dauerkarten-Zahlen ständig steigen. Es ist eine Herausforderung für den Handball, das hinzugewonnene Image in Zuschauerinteresse umzusetzen.
Worin sehen sie das Potenzial des VfL für die Zukunft?
In den Zuschauereinnahmen liegt auch für den VfL das größte Potenzial. Im Sponsoring und beim Business-Club sind wir auf einem guten Weg, dann ist die langfristige Bindung von Premium-Partnern entscheidend.
Die Konkurrenz an der Spitze ist enger geworden. Hat der VfL mit seinem Etat die Chance, sich dort zu platzieren?
Auf Sicht ist die Tabelle immer ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Wenn der VfL sich mittelfristig unter den Top 3 etablieren will, muss er dort auch wirtschaftlich stehen. Bei einigen Konkurrenten gibt es das Mäzenatentum – aber der VfL kann mit nachhaltiger Arbeit und sportlichem Erfolg eine solide Basis erringen. Hierfür ist auch die Kontinuität auf der Trainerposition und in der Mannschaft ausschlaggebend.
Dies streben alle an. Aber kann man heute noch Maßstäbe ansetzen wie früher?
Leider gilt nicht mehr überall der Handschlag, obwohl er für mich nach wie vor bindend ist. Der Handball ist aber eine relativ harmonische Welt im Vergleich zum Fußball. Hier steht noch deutlicher der Sport im Vordergrund als das wirtschaftliche Umfeld. Kontinuität ist auf jeden Fall entscheidend. Sie entsteht, wo man sich versteht, wo es gleiche Visionen gibt – ohne Störfaktoren.
(Quelle:VfL-Newsletter)