Weiter sanieren, um anzugreifen
VfL-Geschäftsführer Francois-Xavier Houlet spricht über drei turbulente Monate
Die Talsohle ist längst nicht durchschritten. Wo steht der VfL Gummersbach? Zu einer Zustandsbeschreibung traf sich Geschäftsführer Francois-Xavier Houlet mit Andrea Knitter.
Wie geht es dem VfL Gummersbach?
Deutlich besser als vor ein paar Wochen. Die Situation war sehr kritisch. Es hat sich etwas entspannt, doch wir sehen von Woche zu Woche, von Tag zu Tag.
Konnten Sie denn nicht absehen, dass es zu solch einem finanziellen Desaster kommen würde?
Bis zum Juli stellte sich die Situation ganz anders da. Wir planten mit einem Etat von 4,2 Millionen Euro. Das waren 300 000 Euro weniger als in der letzten Saison, doch sahen wir uns auch angesichts des Gewinns des EHF-Pokals auf einem guten Weg. Ich bin seit 13 Monaten im Dienst. Die Lage war nie gut und uns drücken auch noch Altschulden von rund 3 Millionen Euro. Ich habe ein Jahr versucht, gegenzusteuern und vieles getan, um Geld zu sparen. So habe ich in dieser kurzen Zeitspanne acht Verträge aufgelöst. Doch es hat nicht ausgereicht. Auch aufgrund der Wirtschaftskrise sind uns im Sommer Sponsoren und Businesspartner abgesprungen. Dass es sich am Ende in so einer Größenordnung bewegen würde, war nicht abzusehen. Das Ganze hat sich plötzlich verselbständigt, die Gelder flossen nicht mehr, wir waren fast nicht mehr liquide. Damit stand im Raum, dass es den VfL bald nicht mehr geben würde. Doch dieser "worst case" ist glücklicherweise nicht eingetreten.
Aus dem Umfeld des VfL kam sogar der Vorschlag, Insolvenz anzumelden und einen Neuanfang in der Regionalliga zu starten.
Das wäre doch auch keine Lösung, denn ich glaube nicht, dass der VfL so schnell wieder in die Bundesliga spielen würde.
Und heute, drei Monate später?
Wir können wieder bezahlen, müssen den Verein aber weiter sanieren, sonst bekommen wir keine Lizenz. Gleichzeitig müssen wir auch eine Perspektive bieten, um für Zuschauer und Sponsoren attraktiv zu sein. Die Sponsoren sind dabei nicht einmal das Problem, da liegen wir im Bundesligavergleich im oberen Drittel. Problem sind die fehlenden Zuschauer.
Was wollen Sie dagegen tun?
Wir haben ja schon eine ganze Menge gemacht und haben für unsere Spiele geworben wie nie zuvor. Wir haben die Mannschaft verjüngt, haben mit neun Handballern so viele deutsche Spieler wie noch nie. Erstmals ist die Zahl der ausländische Akteure mit sieben kleiner. Wir setzen auf den eigenen Nachwuchs und haben als logischen Schritt die zweite Mannschaft aus der Handballakademie in die GmbH übernommen. Sie wird komplett von uns finanziert. Damit haben wir ganz klare Zeichen gesetzt, gerade auch für den Standort Gummersbach. Doch erst wenn die Halle kommt, gibt es eine wirkliche Perspektive.
Noch einmal zur prekären finanziellen Situation. Wieso haben Sie denn noch einen Spieler wie Zarko Markovic verpflichtet?
Das war im Juni, als noch nicht abzusehen war, dass uns so viele Sponsoren wegbrechen würden. Es ist ja auch kein Zufall, dass er als erster auch wieder weg war. Schade, dass uns auch Audray Tuzolana verlassen hat. Er hat sehr fair agiert, und wir haben ein Lösung gefunden, mit der beide Seiten leben können.
Die Hamburger Morgenpost hat berichtet, dass Hamburgs Mäzen Andreas Rudolph, der ein gebürtiger Gummersbacher ist, dem VfL mit einer Bürgschaft geholfen hat.
Das stimmt nicht. Ansonsten gibt es dazu keinen Kommentar.
Welche Perspektive sehen Sie für den VfL?
Wenn wir weiter so sanieren, können wir in der nächsten Saison wieder angreifen.
Bedeutet das noch weitere Entlassungen?
Geplant sind sie nicht, aber es ist ja auch kein Geheimnis, dass drei Spieler den 20-prozentigen Gehaltsverzicht noch nicht unterschrieben haben. Meine Prämisse bleibt: Zuerst kommt der Verein, dann die Mannschaft, dann die Spieler. Denn am Ende wird niemand davon profitieren, wenn die GmbH kaputt geht.
Verzichten Sie eigentlich auch selber auf einen Teil ihres Gehaltes?
Ich habe den Finanzplan ausgearbeitet und ihn der Mannschaft und den Mitarbeitern vorgestellt. Das habe ich nicht getan, ohne als Erster auf einen Teil meines Gehaltes zu verzichten.
Ihr Vertrag läuft Ende der Saison aus. Sie stehen an vorderster Front und damit auch ständig in der Kritik. Denken Sie da schon mal ans Aufhören?
Ich bin als Sportdirektor verpflichtet worden. Heute bin ich Geschäftsführer und habe seit Monaten kaum mehr Zeit, mich mit dem Sport zu beschäftigen. Ich lebe nicht mehr mit der Mannschaft und es gelingt mir nur selten, mal beim Training vorbeizuschauen. Trotz allem waren wir in der vergangenen Saison sportlich so erfolgreich wie seit 20 Jahren nicht mehr. Ich kann mit der Kritik an meinem Führungsstil leben, aber ich möchte auch nach meiner Bilanz beurteilt werden - und die ist mit dem Vizepokalsieg und EHF-Pokalgewinn gar nicht schlecht. Auf lange Sicht möchte ich wieder mehr im sportlichen Bereich arbeiten. Ich bin seit elf Jahren im VfL Gummersbach, es ist mein Verein und ich werde weiter für ihn kämpfen.
(Quelle: Printausgabe der OVZ vom 9.10.2009)