"Wir können die Saison noch krönen"
Interview der Woche mit Patrick Wiencek, dem Kreisläufer des VfL Gummersbach
Auch wenn anschließend noch zwei Bundesliga-Spiele anstehen,
könnte das Finale um den Europapokal der Pokalsieger heute für Sie der
krönende Abschluss Ihrer zweijährigen Zeit beim VfL sein.
Zwei Jahre, zwei Titel, das wäre es doch. Aber auch ohne die Titelverteidigung war es eine erfolgreiche Zeit.
Wie schätzen Sie nach der 33:34-Niederlage im Hinspiel nun Ihre Chancen ein?
Wir schauen von Spiel zu Spiel. Für das Rückspiel in
Flensburg werden wir uns natürlich noch einmal extra motivieren. Obwohl
wir das eigentlich nicht brauchen. Wer hätte uns vor der Saison schon
zugetraut, dass wir ins Finale kommen?
Sie wechseln zur neuen Saison zum THW Kiel. Mit Marcus Ahlm und
Rene Toft Hansen haben sie starke Konkurrenz auf Ihrer Position. Wie
gehen Sie damit um?
Erstmal freue ich mich ungemein darauf. Kiel ist die
beste deutsche Mannschaft und hat mit Marcus Ahlm auch den besten
Kreisläufer der Bundesliga. Ich habe kein Problem damit, ein Jahr hinter
ihm als Backup-Spieler zu agieren. Ich kann von ihm lernen. Das bringt
mich weiter.
Haben Sie keine Sorge, in Kiel direkt ins zweite Glied zu rutschen?
Nein. Denn in Kiel sind durch die Olympischen Spiele
während der Vorbereitung nur sechs Spieler da. So habe ich genug Zeit,
mich zu präsentieren.
Wenn Sie auf zwei Jahre Gummersbach blicken, was wird Ihnen am meisten im Gedächtnis bleiben?
Es waren zwei wunderschöne Jahre in Gummersbach, und
die Mannschaft ist mir so richtig ans Herz gewachsen. Ich habe aber auch
neben dem Handball viele tolle Leute kennengelernt. Es ist ja alles
sehr klein hier, jeder kennt jeden und man wird überall angesprochen.
Es gab aber auch einige Turbulenzen, so waren sie einige Wochen suspendiert.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass auch ich Fehler
gemacht habe, als ich Kiel meine Zusage gab, ohne vorher den VfL zu
informieren. Heute weiß ich, wie das Geschäft läuft. Dass ich dann aber
nicht mehr zum Training kommen und nur noch in der U 23 spielen durfte,
war schon hart. Und dann habe ich mir zu allem Unglück ja auch noch die
Hand gebrochen.
Wie sind Sie über die Zeit gekommen?
Ich hatte die ganze Zeit Kontakt zu meinen
Mitspielern aus der Bundesliga, die haben mir Mut gemacht, denn auch sie
hatten nicht unbedingt Verständnis für das Vorgehen des VfL. Die
Suspendierung ist wohl einmalig in der Bundesliga.
Nach Ihrer "Begnadigung" stand dann gleich der Sieg im Europapokal der Pokalsieger in der Bilanz.
Ja, und das auch noch in einem nervenaufreibenden
Spiel gegen Tremblay. Es war für mich der emotionalste Moment in meiner
Zeit in Gummersbach, als wir im Rückspiel acht Tore zurücklagen, den
Rückstand aber noch aufgeholt haben. Es war schon eine sehr turbulente
Saison sportlich, aber auch, was die finanzielle Rettung des Vereins
betraf.
Der mit der jetzigen Saison aber noch eine weitere folgte.
$Ja. Wir sind schlecht gestartet und waren Ende des Jahres am Tiefpunkt.
Was hat sich mit dem Trainerwechsel von Sead Hasanefendic auf Emir Kurtagic verändert?
Emir Kurtagic macht im Training ein ähnliches
Programm wie Sead Hasanefendic. Er hat aber mehr Spaß hereingebracht,
damit eine bessere Atmosphäre geschaffen und die Mannschaft wieder
zusammengeschweißt. Ich bin einfach froh, dass die erfolglose Zeit
vorbei ist.
Essen, Gummersbach und jetzt der THW Kiel - für Sie geht es steil
nach oben. Dazu die Nationalmannschaft. Und Sie sind erst 23. Was haben
Sie sich noch vorgenommen?
Erstmal möchte ich mich in Kiel durchsetzen und auch
in der Nationalmannschaft meinen Weg gehen. Und vielleicht auch einmal
mit meinem Bruder David in einem Team spielen. Zum Ende meiner Karriere
habe ich den großen Traum, noch einmal in Essen zu spielen, wo für mich
alles in der Bundesliga begann.
Am letzten Spieltag der Bundesliga steht noch die Partie beim THW Kiel an. Motiviert Sie das besonders?
Nicht nur mich, die ganze Mannschaft ist heiß darauf, Kiel die einzige Saisonniederlage beizubringen.
(OVZ-Druckausgabe vom 25.05.2012)