Wiesbadener Tagblatt:
Es ist eine Bauchentscheidung
Martin Schwalb wirkt in Wallau drei Jahre als Trainer und Sportdirektor
Vom 23.03.2005
Nur Mama Schwalb und diese Zeitung wussten schon am Montag, für welchen Klub sein Herz schlägt. Dass Martin Schwalb dann aber gestern beim Handball-Bundesligisten SG Wallau/ Massenheim gleich einen Drei-Jahres-Vertrag unterzeichnete, war doch ziemlich erstaunlich.
Von Volker Eckhardt
"Mein Bauch und mein Herz haben mir das so diktiert, mein Kopf ist mitgesprungen", lieferte Martin Schwalb die Begründung für seinen Entschluss, in Wallau zu bleiben. Eingefädelt hatten diesen Coup die SG-Gesellschafter Ralf Jahncke und Joachim Venino in fünf langen Gesprächsrunden. Danach ist Martin Schwalb bis 2008 Cheftrainer und zugleich Sport-Direktor, der bald Tag und Nacht als Manager auf Achse sein wird.
"Es ist jetzt nicht alles Sonnenschein, aber es ist ein Paket geschnürt worden, das der Struktur des Vereins und mir gerecht wird. Das ist eine Verpflichtung für mich und die ganze SG, dafür zu sorgen, dass wir eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine bringen. Eine schwierige, aber lösbare Aufgabe, die mich reizt", blickt der 41-Jährige der großen Herausforderung mutig entgegen.
Die SG-Gesellschafter sind froh, dass sie Martin Schwalb halten konnten. Ralf Jahncke fiel es nicht schwer, dem Coach die gewünschten Sicherungen im Vertrag für den Fall einzubauen, dass das Unternehmen SG Wallau/Massenheim im Laufe der drei Jahre doch noch schiefgeht: "Dann zahlt nicht die SG, sondern Gesellschafter, Werbepartner und Freunde ein Überbrückungsgeld, bis der Trainer einen neuen Job gefunden hat. Das kostet aber niemanden einen Euro, weil wir wissen, dass die SG nicht insolvent wird."
Schwalbs Vertrag ist erfolgsabhängig dotiert, eine Ausstiegsklausel hat er nicht. Das Bundesliga-Klassenziel zu erreichen, ist eine Selbstverständlichkeit, die nicht extra prämiert wird, das Platzierungsgeld fällt recht bescheiden aus. So erhält der Trainer eine Sonderzahlung von 4000 Euro, wenn er mit dem Team nächste Saison Rang neun erreicht. "Eigentlich ein lächerlicher Betrag, aber das zeigt, in welche Richtung wir denken und arbeiten", erinnert Schwalb an die Realitäten im Ländchen. "Wunderdinge sind nicht zu erwarten", unterstreicht SG-Sprecher Ralf Jahncke, dass der ins Auge gefasste Etat von höchstens 1,6 Millionen auf gar keinen Fall überschritten wird und verdeutlicht dies am Beispiel Nenad Perunicic, der ab April für drei Monate nach Katar ausgeliehen wird: "Dort könnte er auch einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschreiben, doch der SG wäre es lieb, wenn sie auch in der nächsten Runde mit ihm rechnen dürfte. Wir können ihn mit unserem Etat aber nicht bezahlen, denn er ist kein preiswerter Spieler. Wir wissen, das Nenad beim Wiederaufbau der Mannschaft gern helfen möchte, doch Wunsch und Möglichkeiten liegen hier weit auseinander. Wir werden sehen, ob bei Perunicic die Gefühlslage oder die Finanzlage entscheidet."
Torhüter Marcus Rominger bleibt ebenso an Bord wie Dominik Klein. Bei Andreas Rastner und Einar-Örn Jonsson geht Jahncke davon aus, dass sie der SG ebenfalls die Treue halten. Sebastian Linder und Benjamin Hundt wollen den Verein verlassen, mit Zoran Djordjic ist noch alles offen.
Um neue Spieler zu finden, fliegt der alte und neue Coach rund um die Welt. "Ich schaue mich überall um und muss dabei den richtigen Zeitpunkt erwischen, um Spieler zu finden, die zu uns passen und auch bezahlbar sind. Das kann einige Wochen dauern. Wir dürfen nur nicht nervös werden", gibt Schwalb Einblick in sein Handlungskonzept.
Ob Jan-Henrik Behrends, Heiko Grimm, Jens Tiedtke, Igor Lawrow und Jan-Olaf Immel mit ihrem Vereinswechsel gezögert hätten, wenn sie gewusst hätten, dass "Schwalbe" bleibt, schließt der Trainer nicht aus: "Der ein oder andere hätte schon länger überlegt, aber sie sind von den anderen Vereinen ganz schön unter Druck gesetzt worden."
Bis 30. Juni sollen die Spieler und das Finanzamt die ausstehenden Gelder erhalten, mit den Gläubigern wird weiter verhandelt. "Die Sanierung ist noch lange nicht abgeschlossen. Bis zum 30. Juni fehlen uns noch 250000 Euro. Die Bundesliga-Lizenz erhalten wir deshalb bestimmt nur mit der Auflage, bis zum 31. Juli nachzuweisen, dass unseren Absichtserklärungen auch Taten gefolgt sind", weiß Ralf Jahncke, um selbstbewusst hinzuzufügen: "Das Prinzip Hoffnung regiert nicht mehr unsere linke Bilanzhälfte." Zum besseren Verständnis: Dort stehen in der Ärmelschoner-Buchhaltung die Einnahmen.
Kommentar im Wiesbadener Tagblatt:
Herkulesaufgabe in Wallau
Ulrich Schwaab zu Martin Schwalb
Vom 23.03.2005
Martin Schwalb bleibt bei der SG Wallau/Massenheim. Damit behält der hessische Handball-Bundesligist seine einzig verbliebene Lichtgestalt. Schwalb allein besitzt in der Handball-Szene jene Autorität und Wertschätzung, die notwendig sind, damit neue Spieler den Weg zum Chaos-Club ins Ländchen finden. Doch ob es aus Sicht des 41-jährigen Handball-Lehrers eine weise Entscheidung war, sich als Mann fürs Ganze einbinden zu lassen, darf bezweifelt werden. Zum einen, weil der SG-Kader ohne Rückraumspieler dasteht; hier muss Manager Schwalb rasch handeln, Handballer verpflichten, die wenig kosten und die dem Trainer Schwalb vielleicht Zornesfalten auf die Stirn treiben. Zum anderen schwindet Schwalbs Nimbus als Top-Trainer, da er jetzt mit einer Low-Budget-Team gegen den Abstieg kämpfen muss. Das Ganze birgt für Martin Schwalb viele Risisken: Entweder der begabte Handball-Lehrer Schwalb opfert eine verheißungsvolle Karriere zu Gunsten seiner Nibelungentreue zur "Ländches-SG" - oder er übersteht auch das Stahlbad der kommenden drei Jahre, um anschließend vom Deutschen Handball-Bund als Bundestrainer auserkoren zu werden.