Aus em Wiesbadener Tagblatt:
Lust am Handball-Leben in der Ländcheshalle
Wallauer A-Jugend ringt vor 1000 begeisterten Fans im DM-Halbfinale Favorit Magdeburg mit 36:33 nieder
Vom 06.06.2005
Es gibt sie also doch noch, die pure Wallauer Lust am (Handball-)Leben. Rein und unvoreingenommen, begeisternd und mitreißend. Die A-Jugend der SG Wallau/Massenheim besiegte im Halbfinal-Hinspiel um die Deutsche Meisterschaft den SC Magdeburg 36:33 (16:17).
Von Jürgen Möcks
Dank eines fulminanten Endspurts fügte die Sieben des Trainergespanns Thomas Scherer und Mike Fuhrig dem Abonnementssieger die erste Niederlage in dieser Saison zu. Die jugendliche Paradetruppe setzt derzeit den Kontrapunkt zu den niederschmetternden Nachrichten aus dem Profibereich der SG.
Lang, lang ist´s her, dass sich die Ländcheshalle zu einem wahren Tollhaus verwandelte. Bereits eine halbe Stunde vor Spielbeginn mussten die Wallauer die Kassen schließen, hätte kein Maus mehr einen Platz gefunden. Auch wenn Magdeburgs Coach Harry Jahns nörgelte: "So rückt man den Jugend-Handball nicht ins rechte Licht. Die Halle ist eines DM-Halbfinales unwürdig." Die Stimmung aber war allemal meisterschaftsreif. Die 1000 Zuschauer standen Kopf, Hallensprecher Armin Luft sprang als famoser Einpeitscher ausgelassen auf seinem Tisch herum, als der erst nach 42 Minuten eingewechselte Eric Heidelmann mit seinem fünften Treffer das 36:32 erzielte. Im Gegenzug parierte Sebastian Schermuly einen Schlagwurf von Magdeburgs bärenstarkem Mittelmann Alexander Weber.
Und nach einem Foul an Sebastian Eisenhauer bot sich Michael Allendorf 13 Sekunden vor Schluss die große Chance, für ein komfortables Fünf-Tore-Polster für das Rückspiel am Samstag (17 Uhr) zu sorgen. Doch ausgerechnet der zuvor so treffsichere Jugend-Nationalspieler setzte den Siebenmeter über das Tor. Noch ärgerlicher: auf der Gegenseite verursachte der 18-Jährige quasi mit dem Schlusspfiff einen Strafwurf. Und Niklas Kupfer verwandelte im siebten Versuch zum siebten Mal für die Bördeländer.
Michael Allendorf wirkte denn auch nach Spielschluss ein wenig geknickt. "Es wäre bitter, wenn uns das Tor am Ende fehlt." Thomas Scherer nahm seinen Linksaußen in Schutz: "Das ist Handball." Vielmehr hatte Wallaus Coach der Auftritt seiner Sieben im ersten Durchgang in Rage gebracht: "Die erste Halbzeit haben wir komplett verschlafen." Von Angsthasen-Handball sprach gar sein Kompagnon Mike Fuhrig: "Entweder hat die große Kulisse die Jungs beeindruckt oder der Name SC Magdeburg." Wallaus Sportdirektor Martin Schwalb fand derweil: "Man sieht, dass die Magdeburger wesentlich mehr Trainingseinheiten zusammen verbringen. Da müssen wir den Hebel ansetzen." Klaus-Dieter Petersen, jahrelang Abwehrchef der deutschen Nationalmannschaft und inzwischen Jugend-Koordinator beim DHB, bemängelte: "Die Wallauer sind in der Abwehr zu nervös und im Angriff zu eigensinnig. Sie besitzen die besseren Außenspieler, bringen die aber zu selten ins Spiel."
Das gelang nach einem gehörigen Donnerwetter von Thomas Scherer in der Kabine. Zur Belohnung gab es für Tobias Hahn, neben Heidelmann, Allendorf und den zum Zweitligisten TV Gelnhausen wechselnden Mihailo Djurdjevic bester Wallauer, nach der Partie erstmals eine Einladung in die Jugend-Nationalmannschaft. "Phantom" Mihailo Djurdjevic, die frisch genähte Platzwunde an der Lippe mit einer Maske geschützt, gestand nach seinen acht Volltreffern: "Klar hatte ich in der Abwehr ein wenig Angst. Aber im Angriff hat mich die Maske nicht gestört."
Sollte den Wallauern am Samstag der große Coup gelingen, will sich Abteilungsleiter Hans-Dieter Großkurth einen Umzug für das Endspiel reiflich überlegen: "Ich will die Jungs nicht um die einmalige Chance bringen, Deutscher Meister zu werden, in dem wir sie in ungewohnter Umgebung spielen lassen." Doch selbst, wenn die Wallauer in Magdeburg scheitern, eines ist ihnen nach diesem Erlebnis nicht mehr zu nehmen: Die pure Lust am (Handball-)Leben.
SG Wallau/Massenheim: Schermuly; Allendorf (7), Schwarz, Heidelmann (5), Gramlich (1), Djurdjevic (8 ), Quilitzsch (1), Eisenhauer (2), Prinz (4), Waldorf, Hahn (8/4)