Original von http://www.sport1.de vom 23.06.2005
Wallau vor dem Aus - Essen hofft
Dortmund/München - TUSEM Essen darf weiter hoffen, die SG Wallau/Massenheim dagegen steht vor dem Sturz ins Handball-Niemandsland. Das Landgericht Dortmund hat den Antrag des zweimaligen Deutschen Meisters SG Wallau auf eine Einstweilige Verfügung zur Erteilung der Lizenz für die nächste Saison am Donnerstag abgewiesen.
Nach mehrstündiger Verhandlung wies die 13. Zivilkammer unter dem Vorsitz von Richterin Marlies Bons-Künsebeck sowohl die Klage der SG Wallau als auch die des Zweitligisten Willstätt ab.
Gemischte Gefühle bei Bohmann
"Das war ein guter Tag für unsere Rechtsposition", sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann gegenüber Sport1.de. "Aber ich sitze nicht mit jubelnden Faust in der Tasche hier rum. Es tut mir leid um die Vereine und Personen. Da geht es um Traditionen, um Emotionen."
Es sei in erster Linie um die Zuständigkeit der Gerichte gegangen. "Die Richterin hat auf das Schiedsgericht verwiesen", so Bohmann. "Das war schon immer unsere Position. Und dort ist alles offen."
Eine Chance bleibt noch
Damit müssen Wallau und Willstätt nun auf die letzte Sportgerichtsinstanz hoffen. Das Ständige Schiedsgericht tagt am kommenden Donnerstag in Minden.
Beiden Vereine war durch den Vorstand der Handball-Bundesliga (HBL) sowohl in erster wie in zweiter Instanz die Lizenz verweigert worden. Sollten sie auch vor dem Ständigen Schiedsgericht scheitern, spielen Wallau/Massenheim und Willstätt nächste Saison in der Regionalliga.
"Wir haben die Entscheidung so erwartet. Schließlich tagt das Ständige Schiedsgericht schon nächste Woche. Da war jetzt die Dringlichkeit nicht gegeben", sagte SG-Trainer Martin Schwalb gegenüber Sport1.de. Er habe weiterhin Hoffnung. "Diese Entscheidung ist nicht negativ. In der Urteilsbegründung gibt es Ansatzpunkte, auf denen wir aufbauen können."
TUSEM in der Warteschleife
Der TUSEM Essen ist in der Warteschleife. Der EHF-Cup-Sieger stellte völlig überraschend - offenbar weil wenig Erfolg versprechend - keinen Antrag auf eine einstweilige Verfügung.
Im Gegenzug verzichtete die Handball-Bundesliga (HBL) ihrerseits auf einen Antrag auf Erlass eines Versäumnisurteils. Das Verfahren ruht nun, kann aber jederzeit von TUSEM oder von der HBL wieder aufgenommen werden.
"Wir sind Essen entgegengekommen", sagte Bohmann. TUSEMs Manager Schorn meinte frustriert: "Wir haben wieder eine Woche verloren."
HBL greift durch
Essen, Wallau und Willstätt hatten genau wie die Zweitligisten Reinickendorfer Füchse Berlin und SG Werratal von der Handball-Bundesliga zuvor in zwei Instanzen unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen keine Lizenz für die kommende Saison erhalten.
Das Landgericht folgte nun der Auffassung der Liga. Das Gericht wollte mit der Abweisung der Anträge von Wallau und Willstätt, die bei der Abgabe der Lizenzunterlagen Fristen verpasst und entgegen der HBL-Bestimmungen ihre wirtschaftlichen Träger gewechselt hatten, eine Ungleichbehandlung gegenüber allen anderen Klubs verhindern.
"Keine Sonderbehandlung"
Richterin Bons-Künsebeck sagte: "Es gibt auch für einen Traditionsverein keine Sonderbehandlung. Richtlinien müssen trotz kaufmännischen Schicksals eingehalten werden."
Den Vergleichsvorschlag der Richterin, dass im TUSEM-Fall beide Seiten die Entscheidung des Ständigen Schiedsgerichts auf jeden Fall anerkennen sollten, lehnte Essens Anwalt Manfred Tiegelkamp im Gegensatz zu Liga-Anwalt Andreas Thiel ab. Die HBL hob hervor, dass sie sich auf jeden Fall nach der Entscheidung des Schiedsgerichts richten wolle.
Im Falle einer negativen Entscheidung gegen Essen könnte der Traditionsklub immerhin die ruhende Verhandlung in Dortmund wieder aufnehmen.
"Das wird noch ein heißer Sommer werden", sagte der ehemalige Nationaltorwart Thiel.
Schwenker: Frage der Glaubwürdigkeit
Das Ständige Schiedsgericht der Lizenzvereine wird sich am kommenden Donnerstag in Minden als dritte und letzte sportliche Instanz mit den Fällen befassen. Die neue Saison beginnt Anfang September.
Kiels Manager Uwe Schwenker hatte Sport1.de im Vorfeld des Verfahrens vor dem Landgericht Dortmund gesagt: "So bitter es wäre, wenn solche Traditionsvereine nicht mehr erstklassig sind. Aber wenn die wirtschaftlichen Vorraussetzungen nicht da sind, muss man solche Entscheidungen treffen. Es geht um die Glaubwürdigkeit und die Zukunft der Sportart!"
Noch nie Lizenz-Entzug
Seit Einführung des Lizenzierungsverfahrens hatte es in der Bundesliga noch nie einen Lizenz-Entzug gegeben. Der PSV Hannover (1982/83), der TSV Milbertshofen (1992/93), der OSC Rheinhausen (1997/98) und der TV Niederwürzbach (1998/99) traten aus wirtschaftlichen Gründen während oder nach der Saison den Rückzug aus der Bundesliga an.
1999/2000 stand der VfL Gummersbach vor dem Aus. Ein Votum des DHB-Vorstandes um den Gummersbacher DHB-Präsidenten Ulrich Strombach rettete aber damals den Rekordmeister.
Michael Schwartz