Volker Zerbe im Interview: Der Rücktrittsentschluss ist unumstößlich
Eines Tages musste es ja so kommen. Volker Zerbe, der Ende Juni 38 Jahre alt wird, hört auf. Nach inzwischen mehr als 570 Ligaspielen und insgesamt 284 Auftritten im Dress des Deutschen Handball-Bundes reifte der Entschluss, im Sommer eine Karriere zu beenden, die ihm neben Meistertiteln und Europacup-Siegen auch eine Olympia-Medaille und diverse Podest-Platzierungen bei Welt- und Europameisterschaften einbrachte. Das Besondere an der sportlichen Vita des 2,11 Meter lange Rückraumspieler: Seit 1984, seit er als Jugendspieler zum TBV Lemgo kam, wechselte der Europameister von 2004 in 22 Jahren nicht ein einziges Mal den Verein.
Wenn in Lemgo eine Pressekonferenz in Sachen Volker Zerbe einberufen wird, dann kann es – glaubt man den Gerüchten der vergangenen Tage – nichts Gutes bedeuten. Beenden Sie Ihre Karriere tatsächlich im Sommer?
Zerbe: Das stimmt. Der Gedanke, nach all den Jahren einen Schlussstrich zu ziehen, hat sich in der Winterpause verfestigt. Mehr als 20 Jahre hatte ich eine Super-Zeit und nach so vielen Spielen ist es nicht mehr entscheidend, ob man das eine Jahr noch dranhängt oder nicht. So kann ich zu einem Zeitpunkt abtreten, an dem meine Leistung noch stimmt. Und noch eins: Der Entschluss ist unumstößlich.
Folgt dann der Handball-Ruhestand oder bleiben Sie der Bundesliga in anderer Funktion erhalten?
Zerbe: Ich bleibe der Bundesliga im Allgemeinen und dem TBV im Besonderen natürlich verbunden. Im Vorfeld gab es bereits Gespräche, in welcher Funktion ich meinem Verein ab dem Sommer weiterhelfen kann, aber das ist noch nicht genau definiert. Ich möchte den TBV sowohl im sportlichen als auch im Managementbereich unterstützen. Darüber hinaus arbeite ich bei der Sparkasse in Lemgo. Dieses Standbein ist mir wichtig und macht mir auch viel Spaß. Sie sehen, ich werde keineswegs nur daheim sitzen.
Wen sähen Sie denn am liebsten als Nachfolger auf Ihrer Position?
Zerbe: Die Tatsache, dass wir uns bisher wenig Gedanken darüber machen mussten, war für mich ein Indiz dafür, dass der Verein mit meiner Leistung durchgehend zufrieden war. Aber jetzt wird natürlich nachgedacht. Doch einen adäquaten Ersatz kann es schon deshalb nicht geben, weil jeder Linkshänder seine individuellen Stärken und seine individuelle Spielweise besitzt.
Ein Name wird heiß gehandelt: der Slowene Renato Vugrinec, der zurzeit noch beim SC Magdeburg unter Vertrag steht.
Zerbe: Es gibt Kontakte, und es sind Gespräche geführt worden. Aber von Vereinsseite wurde heute noch einmal untermauert, dass es noch nichts zu vermelden gibt. Möglicherweise wird der TBV auch noch mit Yoon sprechen. Die Auswahl ist begrenzt, das wissen wir. Alles andere bleibt abzuwarten.
Seit 1984 stehen Sie beim TBV Lemgo unter Vertrag und gelten als einer der vereinstreuesten Spieler überhaupt. Die Erfolge haben Ihnen offenbar Recht gegeben.
Zerbe: Deshalb fiel es mir ja immer leicht zu sagen, ich bleibe beim TBV. Es ist wirklich schön, daheim die großen Erfolge gefeiert zu haben.
Denken Sie manchmal daran, dass Sie Ihrer Karriere auch andere Stationen – durchaus auch in Spanien – hätten hinzufügen können?
Zerbe: Im Rückblick schon. Aber ich bereue nichts. Schließlich ist der TBV im Laufe der Jahre zu einem internationalen Spitzenverein gewachsen. Eine andere Sache ist es, in einem fremden Land eine andere Sprache zu lernen und ein anderes Leben zu führen. Aus menschlicher Sicht wäre das sicher spannend gewesen.
In der Nationalmannschaft jedenfalls galten Sie über zwei Jahrzehnte als unersetzlich. Trotz diverser Rücktritte kehrten Sie zu Großveranstaltungen immer wieder ins Team zurück.
Zerbe: Das lag daran, dass Heiner Brand genau wusste, was er an mir hat. Ich bin ein Teamspieler und recht unkompliziert in ein bestehendes System zu integrieren. Und ganz ehrlich: Als ich älter wurde, wuchs mir die Sache mit den Trainingslagern und Freundschaftsspielen parallel zum Verein und zum Berufsleben über den Kopf. Aber nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Ich habe die Zeit bei der Nationalmannschaft sehr genossen.
Für Sie galt sogar eine „Lex Zerbe“. Sie durften Olympia, EM und WM spielen, ohne die lästigen Vorbereitungsspiele absolviert zu haben.
Zerbe: Eine Sonderstellung, die ich mir in mehr als zehn Jahren erarbeiten musste. Dabei war es allerdings mein oberstes Anliegen, dass ich dabei die vollste Unterstützung der Mannschaft hatte. Ich wollte keine Unruhe in das Team herein tragen. Wenn nur einer dagegen gewesen wäre – egal, aus welchen Gründen – hätte ich das nicht gemacht. Großartig, dass die Mannschaft das voll mitgetragen hat.
Könnten Sie der Mannschaft von Heiner Brand heute noch helfen?
Zerbe: Nein. Die Jungs machen das schon sehr gut. Wenn überhaupt, dann punktuell im Rahmen einer EM. Bei sieben oder acht Spielen in der kurzen Zeit könnte ich für ein wenig Entlastung sorgen. Doch die jungen Leute brauchen die Spiele bei diesen Turnieren, um Erfahrung für 2007 zu sammeln.
Die Perspektiven auf Ihrer Position sind mit Spielern wie Zeitz und Glandorf nicht so schlecht. Wer kommt Ihnen vom Spielertyp am nächsten?
Zerbe: Das spielt keine Rolle, weil jeder Spieler seinen eigenen Stil verkörpert. Ein Christian Zeitz verfügt dank seiner Wurfstärke und seines Spielwitzes über Atem raubende Möglichkeiten. Holger Glandorf verkörpert eher meine Spielweise. Damit verfügt Brand über zwei Rückraumrechte, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Für den Bundestrainer durchaus ein kleiner Luxus, da er viel variabler auf entsprechende Deckungsvarianten reagieren kann.
Im Moment präsentiert sich die Mannschaft bei der EM auch ohne zahlreiche Stammspieler durchaus zufrieden stellend, oder?
Zerbe: Das Team präsentiert sich großartig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass so viele Spieler – wieder einmal – verletzungsbedingt passen mussten.
Und 2007 bei der WM im eigenen Land werden Sie hoffentlich begeisterter Zuschauer sein.
Zerbe: Auf jeden Fall. Ich habe Zeit meines Lebens soviel Zeit mit Handball verbracht, sodass mich die WM im eigenen Land natürlich stark begeistern wird. Ich werde dem Handball immer verbunden bleiben.
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