"Es hat gerumpelt, aber jetzt wollen wir verbindliche Zusagen"
(mp-bv/21.4.2008-19:05) Von Mischa Peters und Bernd Vorländer
Gummersbach - VfL-Aufsichtsrat Jochen Kienbaum und Akademie-Koordinator Peter Kammer im Interview über neue Perspektiven, alte Probleme, einen umbefriedigenden 6. Platz in der Bundesliga und die Finanzierung der neuen Halle
OA: Im Jugendbereich pendeln sie im Moment zwischen Himmel und Hölle. Einerseits große Erfolge wie der Oberliga-Aufstieg und der Sieg im 1. WHV-Endspiel gegen Dormagen, andererseits die Tatsache, dass junge talentierte Spieler den Verein verlassen oder auf dem Sprung sind. Was läuft falsch?
Kienbaum: Sportlich geht es bei der Jugend sehr gut voran, und es ist nur natürlich, dass auch andere Vereine auf unsere gute Arbeit aufmerksam werden. Aber es ist auch verständlich, dass einige Spieler künftig persönliche andere Schwerpunkte setzen wollen. Ich bin mit der Arbeit der Akademie wirklich sehr zufrieden.
OA: Die Frage bleibt dennoch unbeantwortet. Warum schafft es der VfL Gummersbach nicht, die jungen Talente zu binden? Sind sie in diesem Punkt ohne Konzept?
Kienbaum: Wir sind dabei ein tragfähiges Konzept zu entwickeln, mussten aber erst den Bundesligabereich für unsere Vorstellungen sensibilisieren. Im Scharnier zwischen Bundesliga und Nachwuchsbereich hat es in der Vergangenheit gerumpelt und an Zusammenarbeit gehapert, aber wir haben jetzt ein Team aus Sportdirektor Houlet, Trainer Gislason sowie von Seiten der Akademie Peter Kammer und Axel Renner, die sich wöchentlich treffen und die Dinge vorantreiben. Ziel ist es, den jungen Spielern bestmögliche Perspektiven zu bieten und beide Bereiche enger zu verzahnen. Verständlicherweise bin ich nicht zufrieden, wenn diese Talente, in die wir Zeit, Energie und Geld gesteckt haben, später nicht dem VfL Gummersbach zur Verfügung stehen.
Kammer: Wir haben mit der Akademie unsere ersten Ziele schneller erreicht als alle geglaubt haben. Mehrere Aktive hatten bereits Einsätze in der Bundesligamannschaft. Wesentlich ist aber, dass wir den Jugendförder-Gedanken in Oberberg verankert haben – mit Sportklassen, Schulkooperationen, Vereins-Kooperationen, mit der Ballschule, die bis in die Grundschulen, vielleicht sogar in die Kindergärten hinein wirkt. Da wächst ein riesiger Unterbau an oberbergischen Spielern heran. Richtig ist aber auch, dass wir eine systematisierte Anbindung der Handball-Akademie, in der die Besten der Jugend trainieren, an den Bundesliga-Profisport benötigen.
OA: Brauchen sie dann nicht rasch den nächsten Aufstieg, um den Talenten in der Regionalliga weitere Perspektiven zu eröffnen? Oder noch weiter gedacht: Müsste die Bundesliga-GmbH in ihrem Kader nicht für junge Spieler aus der Akademie Plätze frei halten?
Kienbaum: In diese Richtung denken wir, und wir wollen in diesem Punkt auch verbindliche Zusagen. Damit gibt es auch für die Talente aus der Akademie konkrete Chancen. Konkret: Wir wollen Verträge mit der GmbH abschließen, so dass etwa sechs junge Spieler regelmäßig mittrainieren, und bei entsprechender interner Abstimmung auch im Bundesligateam, im Rahmen von Pflichtspielen Erfahrung sammeln sollen. Ziel ist es aber auch, mit diesen Spielern in die Regionalliga aufzusteigen. Das wäre schon mal was. Ob wir dann noch den nächsten Schritt, die 2. Bundesliga, anpeilen können, was für einige sehr gute Spieler sicherlich die richtige Klasse wäre, wird sich zeigen. Das ist auch eine finanzielle Frage.
OA: Kommen wir zum Aushängeschild des VfL, der Bundesligamannschaft. Hatten sie sich sportlich mehr versprochen?
Kienbaum: Der sechste Platz reicht mir nicht. Wir müssen kontinuierlicher arbeiten. Scouting, die Sichtung von Spielern, die uns weiterbringen, muss sehr viel intensiver betrieben werden. Wir haben derzeit eine Übergangssituation. Mit den Ergänzungen des Kaders für die kommende Saison kann man vorläufig zufrieden sein.
OA:Was dem Team fehlt, sind echte Führungspersönlichkeiten, Sympathieträger, vielleicht auch deutsche Nationalspieler. Sehen sie das ähnlich?
Kienbaum: Wir sind auch für deutsche Spieler, aber sie sind oft die teuersten – erst recht, wenn man sie aus Verträgen herauskaufen müsste – deshalb entwickeln wir sie an der Akademie. Mittelfristig sollten wir auch Nationalspieler aus den eigenen Reihen hervorbringen. Narcisse und Sigurdsson, das waren charismatische Spieler, und das machte direkt zwei, drei Plätze in der Bundesliga aus.
OA: Mit der Zuschauerresonanz in der Kölnarena können sie ja nicht zufrieden sein. Verstärkt das den Druck, in Gummersbach eine Halle zu bauen, um auch mehr Identifikation mit dem VfL Gummersbach zu schaffen?
Kienbaum: Natürlich, wir wollen die Halle in Gummersbach bis 2010 oder 2011. Dann bekommen wir Identifikation und professionelle Trainingsbedingungen. Die Spieler haben ja auch keine Lust, in Köln vor manchmal sehr dürftig besetzten Rängen ihren Sport auszuüben. Und auch viele Zuschauer aus dem Oberbergischen sind das ständige Pendeln nach Köln leid. Wir brauchen die neue Sportstätte, und wir sind in sehr positiven und hoffnungsvollen Gesprächen mit Institutionen, die Fördermittel geben können.
OA: Die Stadtväter haben immer darauf gedrungen, dass sich auch der VfL an den Kosten des Betriebs der Halle beteiligt. Kann das gelingen?
Kienbaum: Nicht der VfL Gummersbach, aber die oberbergische Wirtschaft wird den in jeder Saison anfallenden Betriebsverlust abdecken. Derzeit erarbeiten wir ein Betreiberkonzept. Es gibt durchaus auch Unternehmer aus dem hiesigen Raum, die sich dafür interessieren und darin Chancen sehen. Außerdem streben wir eine Kooperation mit dem Investor an, der das Einkaufszentrum baut und einen Teil der Hallen-Finanzierung übernehmen könnte. Den Rest müsste die Stadt als öffentlicher Geldgeber übernehmen.
OA: Aus Köln wollen sie sich aber bei einem Hallenneubau in Gummersbach nicht zurückziehen, oder?
Kienbaum: Nein, bis zu sechs Topspiele werden dann weiterhin in der Kölnarena zu sehen sein. Und in Gummersbach sind mehr Zuschauerzahlen drin, als die in der Vergangenheit üblichen 2.500. Wir müssen eben beim Marketing für die Spiele erheblich zulegen.
Kammer: Wenn die Halle in Gummersbach kommt, werden wir uns als Handball-Akademie, aber auch als Bundesligateam noch wesentlich stärker in der Öffentlichkeit verankern. Das Stichwort heißt Transparenz. Fans und Neugierige sollen die Möglichkeit erhalten, öfter hinter die Kulissen zu blicken, beim Training zuzuschauen. Handball soll in Gummersbach gelebt werden. Wir benötigen den ganz engen Kontakt zu den Fans. Letztlich müssen wir die emotionale Klammer zwischen dem VfL und den Menschen der Region hinbekommen. Dies würde im Übrigen auch dadurch unterstützt, wenn Talente aus Oberberg den Sprung in den Bundesligakader schafften.
OA: Zum Abschluss: Wo sehen sie den VfL in fünf Jahren?
Kienbaum: Wir wollen dann unter den ersten drei in der Bundesliga sein, auch wenn das schwer wird, denn alle rüsten auf. Man fragt sich manchmal, woher in anderen Vereinen die Gelder kommen. Wir wollen jedenfalls weg von einem Prinzip ‚Einzelne Personen geben Millionen – und sind dann irgendwann wieder weg“. Damit haben wir leidvolle Erfahrungen gemacht. Das reicht, wir gehen jetzt einen anderen Weg.
Kammer: In den kommenden Jahren sollten wir Oberberg mit Stützpunkten gut versehen haben, aber auch jeder Verein der Region muss seinen Lokalkolorit einbringen. Die Verzahnung im VfL wird dann so intensiv sein, dass es für viele Akademie-Spieler ganz weit nach oben geht.
Quelle: oberberg-aktuell.de