Gehen wir doch mal der Reihe nach:
1. Was fordert der DHB: Strategisch ausgerichteten Neuaufbau mit Generationswechsel, zugleich aber schnellen Erfolg (WM 2017).
Vestergaard hat beides nicht ansatzweise hinbekommen. Wem könnte dies gelingen, was schon fast an die Quadratur des Kreises grenzt?
2. Nach den Erfahrungen mit Vestergaard dürften folgende Anforderungen hinzugekommen sein: Kenntnis der Situation (d. h. auch der Funktionsmechanismen) des Handballs in Deutschland, Motivationsfähigkeit, mehr Emotionalität, ausreichende Kenntnis der deutschen Sprache. Damit dürften fachlich geeignete Kandidaten wie Helle Thomsen ausscheiden (wobei man ihr Motivationsfähigkeit und Emotionalität nicht absprechen kann).
3. Der DHB steht unter Zeitdruck. In gut 8 Wochen muss jemand auf der Bank sitzen. Deshalb wird der DHB kaum ein völlig neues Auswahlverfahren schaffen, sondern zunächst versuchen, auf jemanden zurückzugreifen, der schon auf der Liste stand. Ich gehe davon aus, dass bereits Gespräche stattgefunden haben und nach einer Schamfrist (die Gründlichkeit bei der Suche vortäuschen soll) bald der neue Trainer präsentiert wird.
Wenn man dieser Logik folgt (wobei ich nicht unbedingt den Eindruck habe, dass Logik eine Stärke des DHB ist), kann man ja einige der damaligen Kandidaten mal durchspielen:
- Wolf und Leun hatten mit der Begründung abgesagt, ihren Vereinen die Treue halten zu wollen. Wenn sie es sich nach einem Jahr plötzlich anders überlegen würden, wäre dies nicht gut für ihre Glaubwürdigkeit. Deshalb scheiden sie meines Erachtens aus.
- Müller steht in Doppelfunktion, außerdem hatte ihm der THC damals klipp und klar die Freigabe verweigert. Das wäre jetzt gewiss nicht anders.
- Fuhr hatte sich beworben und war sehr traurig, dass man sich gegen ihn entschieden hatte. Er ist sicher ein absoluter Spitzenmann hinsichtlich der Arbeit mit jungen Spielerinnen. Doch durch seine Art (sowohl im Umgang mit der Mannschaft als auch in seinem Auftreten nach außen) polarisiert er sehr stark. Blomberg war jahrelang nicht von ungefähr der Verein mit der weitaus stärksten Fluktuation in der Liga. Für die kommende Saison bleibt nun erstmals der größte Teil der Truppe zusammen. Das spricht sicher auch für eine gewachsene Reife von Fuhr.
- Petkovic fühlte sich durch die Anfrage geehrt, hatte prinzipiell Interesse an dem Job bekundet und nur deshalb abgelehnt, weil er gerade in Eisenach unterschrieben hatte. Petkovic hat gezeigt, dass er sowohl strategisch-konzeptionell (mit längerem zeitlichen Vorhaltewinkel) arbeiten und dabei gut junge Leute integrieren (z. B. in Wetzlar), aber auch eine Mannschaft schnell nach vorn bringen kann (z. B. Aufstiegssensation in Eisenach im letzten Jahr).
So, darauf kann sich nun jeder seinen Reim machen.