Nachdem der erste Ärger verraucht ist, möchte ich mit etwas Abstand ein paar Überlegungen beisteuern:
1. Die WM war für unsere Mädels mit Platz 8 ein Erfolg. Als Minimalziel war die Hauptrunde ausgegeben worden. Dieses Ziel wurde erreicht – was der Mannschaft viele nicht zugetraut hatten – auch ich hätte nicht darauf gewettet.
2. Das weitergesteckte Ziel, das Erreichen eines Olympia-Qualiturniers, wurde verpasst. Das kann man am serbischen Ausgleichtor in der letzten Sekunde festmachen und es als Pech ansehen. Aber ich meine, der 8.Platz entspricht dem gegenwärtigen Niveau der Mannschaft. Sie hat gegen 5 der davor platzierten Teams gespielt (einschließlich des Vorbereitungsspiels gegen Montenegro) und davon 4 Spiele verloren, darunter die 3 entscheidenden.
3. Hier wurde fast nur über die Schwächen im Angriff gesprochen. Die Feststellungen sind richtig, diese Situation verfolgt aber unsere Frauennationalmannschaft schon längere Zeit. So wurde z. B. in einem Beitrag in der handballecke zur Heim-WM festgestellt: „Nach 3 Spielen nur 13 von 35 aus dem Rückraum gemacht. Dazu nur die sechzehnbeste Offensive.“ Auch die Probleme mit den Würfen von außen hatten wir damals schon. Gegen Schweden war die Wurfausbeute heute 47% (Schweden hatte 67%); außer vom Siebenmeterpunkt gab es von allen Positionen nur Quoten zwischen 33% und 44%. Damit kann man Spiele gegen solche Gegner nicht gewinnen.
4. Das Abwehrverhalten sehe ich aber genauso kritisch. Das Grundproblem besteht meines Erachtens darin, dass die Mädels den gegnerischen Angriff meist endlos spielen lassen, bis sich dieser eine Wurflücke erarbeitet hat oder die Kreisläuferin anspielen kann. Groener forderte immer wieder Stoppfouls, aber die kamen nicht oder nur halbherzig, so dass die angegriffene Spielerin noch weiterspielen oder abschließen konnte. Am schlimmsten war das im letzten Spiel: Schweden hat bei dieser WM in keinem anderen Spiel so viele Tore geworfen wie gegen uns – nicht einmal gegen Kongo, Argentinien oder China! Das allein sagt schon genug über die Qualität der Abwehr aus. Ein besonderes Problem war die Verteidigung gegen die Kreisläuferinnen, die zu viel zu vielen Würfen kamen (z. B. NED 13, SRB 18, NOR 15 und Schweden 8, dazu noch viele von den Kreisläuferinnen herausgeholte Strafwürfe). Dagegen schien es gar kein Konzept zu geben, da sah die Abwehr oft recht hilflos aus.
5. Das Ausgleichstor von Serbien in der letzten Sekunde hat der Mannschaft nicht nur einen Punkt gekostet (und damit letztlich das Halbfinale) sondern sie offenbar auch in einen kollektiven Schockzustand versetzt, aus dem sie bis zuletzt nicht wieder herausgekommen ist. Die lockeren Sprüche in den Interviews waren für mich eher Zweckoptimismus, mit dem der psychische Zustand übertüncht wurde und klangen wie das Pfeifen im dunklen Wald. Dieser Schock hing wie Bleigewichte an den ohnehin müden Armen und Beinen und machte die Mädels chancenlos.
6. Unserer Mannschaft ist es nicht gut gelungen, sich auf die völlig unterschiedliche Linie der Schiedsrichter/innen einzustellen. Extreme waren einerseits die pedantischen Russinnen, die jede Kleinigkeit pfiffen und (zu) oft progressiv bestraften und andererseits die Spanier, die sehr viel laufen und einiges an Härten durchgehen ließen. Damit sind erfahrenere Mannschaften besser klargekommen, haben das besser antizipiert.
7. Bei der Heim-WM hatten wir die älteste, diesmal die jüngste Mannschaft im Turnier – beides war gewiss problematisch. 2017 war das selbst verschuldet, Groener hingegen hatte kaum Alternativen. Behrend statt Zapf war offensichtlich eine Fehlentscheidung. Andere Spielerinnen, die er hätte mitnehmen können, fallen mir allerdings auch nicht ein. Diese Mannschaft wird reifen und kann bei den nächsten Meisterschaften weiter nach vorn kommen. Einige Nachwuchsspielerinnen werden hinzukommen und den Kader breiter und ausgeglichener machen. Ein Podestplatz in den nächsten 2 -3 Jahren würde mich allerdings schon überraschen.
Soweit meine ersten Gedanken.