Beiträge von Germanicus

    Germanicus: Du kennst Dich in Ungarn viel, viel besser aus als ich in Rumänien, aber dort scheint die Situation sehr ähnlich zu sein. Der Spielbetrieb ist nicht sehr tief und nicht flächendeckend, in einigen Hochburgen wird er aber sehr engagiert betrieben. Handball im Erwachsenenbereich ist überwiegend Leistungssport, dann auf professioneller Basis....

    Die Übereinstimmung jetzt sicherlich kein Zufall, sondern auch noch von gemeinsamen Strukturen aus der kommunistischen Vergangenheit zurückzuführen.Zumindest in Rumänien wird sie als Defizit angesehen.


    Ja, in Russland ist es sogar ganz extrem. Das Land hat einige Topvereine, aber schon die untere Hälfte der ersten Liga besteht aus Amateur- und Uni-Mannschaften, Handball als Breitensport gibt's gar nicht, wenn ich mich nicht irre, eine dritte Liga gibt's in Russland gar nicht.
    Die Konflikte zwischen Leistungs- und Breitensport gibt es so natürlich nicht. In Deutschland liegt die Spitze finanziell aber auch sportlich hinter der ungarischen, rumänischen, russischen Spitze, der deutsche Frauenhandball hat aber immer noch eine viel größere Breite als in diesen Ländern. Der Einfluss der Politik ist auch nicht mal vergleichbar.

    Dementsprechend stellt sich schon die Frage: was möchte man mit dem deutschen Frauenhandball überhaupt erreichen? Stärkere Nationalmannschaft? Stärkere Topvereine? Stärkere 2., 3., 4. Liga? Breitere und stärkere Basis?

    Michelmann kann sagen, was er möchte, aber Frauenhandball ohne Steuergelder lukrativ zu machen, es scheint für mich nicht einmal in Deutschland erreichbar zu sein. In Frankreich können die Vereine der ersten Liga mit relativ wenig Unterstützung von Staat, Region und Gemeinde wirtschaftlich funktionieren, aber gerade das Beispiel Metz zeigt, wie instabil das ist: bist du ein bisschen erfolgreicher, laufen dir die Spielerinnen weg, weil sie woanders mehr Geld verdienen können.

    Aber das Land mit dem CL-Sieger hat nur einen Platz?


    Also nach der letzten Saison, mit den unvergleichbar strengen norwegischen Reiseeinschränkungen hätte der EHF auf norwegische Vereine gerne ganz verzichtet. Die Vipers alleine haben mehr Probleme verursacht, als alle andere Teilnehmer zusammen.
    Aber dem norwegischen Meister und Titelverteidiger die Tür zuzumachen, das hat man nicht gewagt. Ein zweiter Verein aus Norwegen soll aber bitte schön vergessen, in der Champions League teilzunehmen.

    Germanicus. Wie schaut es in Ungarn eigentlich mit der 2. Liga und vor allem der Tiefe des Spielbetriebes aus? (also: wieviel Spielklassen gibt?) Ist der Frauenspielbetrieb ähnlich flächendeckend wie (noch) in Deutschland?


    Ungarn ist, wie bekannt, deutlich kleiner als Deutschland. Noch dazu ist Amateurhandball (egal ob Frauen oder Männer) gar nicht so verbreitet, wie hierzulande. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der HandballspielerInnen verdreifacht, aber das sind vor allem Kinder, die durch Steuergelder finanzierte Programme in den Handball gezogen wurden. Die überwiegende Mehrheit der ungarischen HandballerInnen sind Kinder.
    In der ersten Liga gibt's 14 Vereine (Männer und Frauen haben die gleiche Struktur, es ist in Ungarn vom Handballbund gesteuert, nicht von den jeweiligen Ligen). Die zweite Liga wird umgebaut. Vor einigen Jahren hatte Sie zwei Staffel mit je 14-14 Vereine. Seit einigen Jahren wird die Anzahl Schritt für Schritt verringert, in der nächsten Saison wird die Liga mit 2 Staffeln mit je 10-10 Vereienen und einem Playoff ausgeführt, ab 2022 wird die zweite Liga eingleisig, mit 16 Vereinen. Man möchte die Liga stärker machen. Das Niveau in der zweiten Liga ist viel niedriger, als in der ersten, es ist ganz typisch, dass der Aufsteiger in der nächsten Saison in der ersten Liga gar keine Pluspunkte sammeln kann, und mit 0 wieder absteigt.
    II. Mannschaften dürfen in der zweiten Liga teilnehmen, wenn sie es sportlich schaffen. Vor zehn Jahren gab es noch 5-6 II. Mannschaften in der zweiten Liga der Frauen, diesmal war e s nur drei, und Dunaújváros II ist abgestiegen, also ab Herbst sind nur Győr II und FTC II dabei. Für sie gelten allerdngs strengere Regel als in Deutschland, nur Spielerinnen im Jugendalter dürfen dort spielen.
    In der dritten Liga gibt's 6 Staffel mit je 12-12 Vereienen.
    Alles darunter wird in den Komitaten* organisiert, je nach Komitat gibt's eine oder zwei Ligen (in Budapest sogar drei).
    Es gibt auch relativ große Städte ganz ohne Frauenhandballmannschaft, wie z.B. Sopron (60.000 Einwohner), so was ist in Deutschland kaum vorstellbar.
    In Deutschland muss man in der dritten Liga oft 4-8 Euro Eintritt bezahlen, so was wäre in Ungarn unvorstellbar. Da auch die Spielerinnen und ihrer Familien finanziell schwächer sind, als in Deutschland (einfach weil das Land wirtschaftlich schwächer ist), haben Vereine in der dritten Liga schon finanzielle Schwierigkeiten, ich habe dort schon Mannschaften gesehen, die nicht zehn gleichartigen Trikots parat hatten...
    Dem kleineren Land entsprechend ist das Niveau in der zweiten ungarischen Liga schon niedriger als in der zweiten deutschen, die dritte, mit 72 Vereinen, ist nicht viel mehr als eine Liga für Hobbyspielerinnen. Ab und an können dort III. Mannschaften (was in der Regel der B-Jugend entspricht) die Meisterschaft gewinnen.

    * Ungarn besteht aus 19 Komitaten + Budapest. Ihre Funktion is ähnlich wie bei den deutschen Landkreisen, die sind aber im Schnitt ca. zweimal so groß.

    Wenn man schon ins Auslaund guckt, dann würde mich Frankreich interessieren. Die sind immerhin von der Größe ähnlich wie wir. Ich finde Ungarn und Holland lässt sich immer schwer mit uns vergleichen.


    Ich bin vollständig einverstanden, möchte es aber gerne ergänzen. Die Beispiele der beiden erwähnten Länder könnten nämlich kaum unterschiedlicher sein. Ungarn hat die wahrscheinlich beste Liga der Welt (und mit sicherheit eine der besten), die niederländische Liga ist kaum mehr als eine Studentinnen-Wettbewerb. Aus der ungarischen Nationalmannschaft spielen alle Spielerinnen in der einheimischen Liga - aus den niederländischen alle im Ausland.

    Es ist aber ein Wettbewerb der Meister


    Nein, es ist das nicht. Ganz abgesehen von Sävehof: Győr, Metz, Rostov und Esbjerg sind auch keine Meistern.

    Zitat

    wenn der schwedische Meister verzichtet, kann das nicht innerhalb des Landes übertragen werden (wenn ich es richtig verstanden habe)


    Falsch. Der schwedische Meister darf auch nicht automatisch teilnehmen, nur die Meistern der 1-9. Länder in der Rangfolge - Schweden ist nicht unter ihnen (Das sei HUN, RUS, ROU, DEN, FRA, NOR, GER, MKD, MNE).
    Und ein Verein aus Schweden, von denen, die sonst berechtigt sind in der EL oder im EHF-Pokal teilzunehmen, dürfen ein Upgrade (oft, falschlicherweise, als Wild Card benannt) beantragen. Das kann der Meister sein, oder der 2., oder der Pokalsieger, je nachdem, welche Vereine laut den schwedischen Regeln in die internationale Wettbewerbe nominiert werden. Welchen Platz der Verein in der heimischen Liga erreicht hat, spielt gar keine Rolle, Hauptsache, er muss einen internationalen Startplatz haben.
    Sävehof fällt also in die gleiche Kategorie, wie Bietigheim, sie waren Rivalen für die sechs Upgrades. Sävehof hat es erhalten, Bietigheim nicht.

    Klar, es ist sehr unterschiedlich, wie man auf die internationale Bühne schaut. In Ungarn ist die Bevölkerung weitgehend nationalistisch, viele Fans sehen es so, dass die heimische Liga eigentlich nichts anderes, als eine Qualifikationsrunde für die echt wichtigen Spiele, d.h., die internationalen, ist. Für ein Europapokalspiel bekommst du in Ungarn viel mehr Zuschauer, als für ein Ligaspiel, obwohl die Ticketpreise viel höher sind (also, vor Corona, meine ich).
    In Deutschland ist es nicht so, hierzulande hat die Bundesliga die höchste Priorität, und wenn man noch international spielen kann ist schön, kann man nicht, ist es auch in Ordnung.

    Kein Wunder also, dass die EHF auf einen zweiten Startplatz der HBF getrost verzichten kann.


    Ja, in Ordnung (ich sehe es anders, aber diene Meinung ist auch vertretbar). Es erklärt aber keinesweges, warum man auf den 2. aus Rumänien und den 2. aus Norwegen verzichtet hat, um Sävehof das Upgrade anzubieten.
    Ich halte es nach wie vor für eine schwer erklärbare Entscheidung.

    Damit war zu rechnen.


    Ich sehe es nicht so. Meiner Meinung nach steht nichts dafür, Sävehof gegen Bieitigheim zu priorisieren. Sävehof ist kein Meister, ist keineswegs stärker, als Bietigheim, hat weder mehr Zuschauer in der Halle noch im Fernsehen. Dass sie ausgewählt wurden, und Beitgiheim nicht, ist ein Witz.

    Leider schlechte Nachrichten: Bietigheim ist nicht dabei. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen wieso Sävehof das Upgrade erhalten hat, Bietigheim hingegen nicht, aber so ist es.

    Dokument verschoben

    CRO – HC Podravka Vegeta
    DEN – Odense Håndbold
    DEN – Team Esbjerg
    GER – BV Borussia 09 Dortmund
    HUN – FTC-Rail Cargo Hungaria
    HUN – Györi AUDI ETO KC
    MNE – Buducnost BEMAX
    NOR – Vipers Kristiansand
    ROU – CSM Bucuresti
    RUS – CSKA
    RUS – Rostov-Don
    SLO – RK Krim Mercator
    SWE – IK Sävehof
    TUR – Kastamonu Belediyesi GSK

    Ich freue mich natürlich nicht, aber ich kann es nachvollziehen. Man weiß heute nicht, was für Einschränkungen es nächste Woche geben wird, wie soll man Pläne für Mitte August entwickeln? Mit 6 Teams, teilweise aus dem Ausland, teilweise mit Unterkunft, usw.

    Dortmund ist also definitiv in der Champions League.
    Die Meistern der 8 bestplatzierten Ligen und der 2. aus Ungarn (als stärkstes Land in der EL in den letzten 3 Jahren) sind automatisch dabei. Das sind:
    FTC
    ZSKA
    Odense
    CSM
    Brest
    Vipers
    Budućnost
    Dortmund
    Podravka.
    Győr

    Weitere 10 Vereine haben ein Upgrade beantragt. 6 Plätze gibt es noch zum Verteilen. Die Bewerber sind:
    Esbjerg
    Metz
    Bietigheim
    Storhamar
    Baia Mare
    Rostov
    Banik Most
    Krim
    Sävehof
    Kastamonu

    Sävehof und Most haben, meiner Meinung nach, gar keine Chance, Rostov und Esbjerg hingegen werden das Upgrade mit Sicherheit erhalten. So 4 von Metz, Bietigheim, Storhamar, Baia Mare, Krim und Kastamonu dürfen noch Champions League spielen.

    Die offiziellle Pressemitteilung des EHF:
    Dokument verschoben

    OK, mein letzter Post im Thema: ich bitte dich, in Themen, wo du keine Ahnung hast, nicht jede Menge Quark hier zu posten. Die Details interessieren hier echt niemanden, aber auch in diesem kurzen Post gibt es falsche Aussagen...

    Zitat

    Die Spielerinnen wechseln sicher nicht wegen eine MTK-Ausleihe von Budapest nach Györ.


    Selbstverständlich nicht.
    Die Beispiele zeigen aber, dass es wenig Sinn hat, jahrelang in eine Spielerin zu investieren, sich um ihre Entwicklung zu bemühen, und dan zuzusehen, wie sie bei der ersten Gelegenheit dem Verein den Rücken kehrt.

    So, liebe Freunde, ich wollte eigentlich hier nicht viel über Ungarn schreiben. Es interessiert hier niemanden, und der Titel des Threads ist auch klar, es geht um die Bundesliga, nicht um die ungarische. Aber unsere neue Mitstreiterin hat hier Ungarn als absolutes Traumland beschrieben, so, dass es sogar mir schon weh tat. Ich kenne mich dort ein bisschen aus, so ich versuche zu klären, was sie geschrieben hat, wenigstens um die faktisch falschen Aussagen zu korrigieren. Wen es nicht interessiert, kann diesen Post einfach überspringen.

    Als erster Punkt: Vlagyimir Golovin, der mit der U20 in 2018 Weltmeister, und mit der U19 en Jahr später Europameister wurde, ist kein Jugendnationaltrainer mehr. Ein gewisser Szilárd Kiss, der vor zwei Jaren mit der U17 in Celje die EM gewonnen hat, hat diese Position übernommen. Golovin ist nur Cheftrainer bei MTK.
    FTC hat tatsächlich schon einige Spielerinnen zu Vlagyimir Golovin ausgeliehen, schon bevor er in 2017 die Jugendauswahl übernommen hätte. Der Grund dafür war nicht, dass er Jugendtrainer war (war damals noch nicht), sondern der Mann aus Odessa, der ungarisch bis heute mit starkem Akzent spricht, ist seit Jahrzenten der beste Freund des FTC-Trainers Gábor Elek. Diese Spielerinnen haben sich bei Golovin gut entwickelt, wurden alle Nationalspielerinnen - und haben mittlerweile alle den FTC Richtung Győr verlassen. Es hat FTC zum Umdenken gezwungen, man hat dort erwartet, dass Spielerinnen aus dem eigenen Nachwuchs den Verein nicht sofort verlassen, wenn sie ein besseres Angebot erhalten, die Vereinsführung ist ziemlich enttäuscht. Dass die Frau aus Holland sich beim Verein besser fühlt, als die Spielerin aus der eigenen Jugend, ist eine neue Erfahrung, die wahrscheinlich Folgen haben wird.
    Győr leiht auch viele Spielerinnen aus - allerdings erst wenn sie keine Jugendspielerinnen mehr sind (in Ungarn endet den Jugendalter bei den Frauen, ebenso wie in Deutschland, mit 19). Dass Golovin Jugendtrainer war, spielt also keine Rolle. Und nicht nur bei ihm gibt es Spielerinnen aus Győr, sondern auch bei anderen Vereinen: Tamara Pál (Jahrgang 2000, bei MTK), Sára Afentaler (2000, Fehérvár) und sogar Rita Lakatos (1999, Vác) sind Ausleihespielerinnen von Győr, und es gibt noch mehr. Seit vielen Jahren wurde keine einzige ausgeliehene Spielerin von Győr zurückgeholt. Was für einen Sinn hat dann, ihnen lange Verträge zu geben und sie auszuleihen? Es ist einfach. Sie haben einen Vertrag, der ihnen es erlaubt, zu allen Vereinen der Welt ausgeliehen zu werden, mit einer Ausnahme: dem FTC. Bei Győr steht sogar finanzielle Mittel für diesen Zweck zur Verfügung: Spielerinnen lange Profiverträge zu geben, um zu verhindern, dass sie zum FTC wechseln.
    Für Julischka ist es beispielhaft. Ich halte es eher verrückt.

    Ich frage mich z. B, dass eine Lucy Jörgens, die ein tolles final four gespielt hat, nicht bei einem Erstligisten unter Vertrag genommen wurde. Leverkusen macht so eine gute Jugendarbeit.


    Hast du vor einem Monat gewußt, wer diese Lucy Jörgens ist? Hättest du mit Sicherheit entschieden können, ob der Name einer deutschen Handballerin, oder einer Sängerin aus Schweden gehört? :)
    Die meisten Vereine haben in Mai schon einen fertigen Kader, viele sogar schon früher. Und Jörgens spielte zwischen November und April kein einziges Spiel. Klar, coronabedingter Abbruch, ich möchte es niemandem vorwerfen, es bleibt aber nach wie vor ein Fakt. Ich gebe zu, ich habe gewußt, dass es sie gibt, aber nicht viel mehr, obwohl ich sicher nicht der letzte in diesem Forum bin, wenn es darum geht, Spiele der Juniorelfen zu gucken oder zu besuchen (vor Corona, wenn es noch möglich war). Und wäre Sophia Cormann einsetzbar gewesen, hätte Jörgens vielleicht im FInal Four deutlich weniger Möglichkeit bekommen, ihre Fähigkeiten zu zeigen.
    Also bei ihrem Fall kann ich es nachvollziehen. Aber sie ist jung, eine Saison in der zweiten Liga, ist nicht unbedingt schlecht. Und sicher besser als bei einem Erstligisten immer wieder nur die eine Aufgabe zu haben: die Bank warm zu halten.