Die Analyse ist nicht verkehrt, aber du packst das Problem nicht bei der Wurzel. Du hast recht damit, dass es zu wenige deutsche Talente gibt, die eine gute Rolle bei Klasse Teams spielen. Du hast recht damit, dass dies die Schweden besser machen. Du hast aber Unrecht damit, dass Flensburg deswegen einen Suton verpflichten sollte. Flensburg hat weder Verantwortung für das Abschneiden der Nationalmannschaft, noch muss es Sorge tragen für die Entwicklung deutscher Talente. Es ist das deutsche Ausbildungssystem, was diese Probleme hervorruft. Folgende Tendenzen lassen sich in Deutschland erkennen.
- viel zu eindimensionale Ausbildung der Spieler. Alleskönner muss man mit der Lupe suchen. Stattdessen Shooter, Zuchtbullen oder such mal ein feiner Außen. Aber richtig flexible Spieler, die das Spiel verschluckt haben, sucht man vergebens
- dämliches Festhalten an offensiven Abwehrformationen in der C-Jugend, auch in den Leistungsligen. In der C-Jugend Oberliga ist Pflicht 3:3 vollkommen fehl am Platz. Dadurch sind die Spieler zu schlecht geschult, was Abstand zur Abwehr, Laufwege und Wurfvarianten angeht. Eins gegen eins ballern und wegschieben funktioniert ja.
- Drang in die Leistungszentren. In den Internaten dieser Welt werden nur sportliche Mitläufer gepusht. Sie verlassen ihre Heimatvereine früh, um Rollenspieler in einem internat zu werden. Aber hey, sie spielen bei Magdeburg/Berlin/Gummersbach usw. Kann man sich schon mal geil fühlen. Auch der Persönlichkeitsbildung schadet es, so früh von den Eltern weg zu gehen. Und der dhb pusht es auch noch durch Reform der jblh und weitere Maßnahmen. Blick nach Schweden: Internate quasi nonexistent. Die Spieler arbeiten sich durch ihre Heimatvereine in die erste schwedischen Liga (von der Qualität her in der Breite ca obere Hälfte deutsche zweite Liga) und gehen da ihren Weg. Und in Deutschland? Können sich die Internatsabgänger halt in der Oberliga oder mit Glück in der dritten Liga umschauen. Herzlichen Glückwunsch.Da jetzt aber Flensburg als aktuell stärkstes deutsches Team eine Mitschuld zu geben, ist an den Haaren herbei gezogen.
1. Den Begriff alleinige Schuld o.ä. habe ich zu keinem Zeitpunkt benutzt. Aus persönlicher Erfahrung mit 2 jungen Nationalspielern (Europameister) weiß ich aber wie sperrig die Bundesliga für deutsche Rückraumtalente ist. Da werden erst mal noch Skandinavier für gutes Geld davor gesetzt und dann spielt man erst mal brav 1 bis 2 Jahre Abwehr, bevor man die Qualitäten in der Offensive erkennt. Die Top 5 der Bundesliga machen hier enorme Fehler, wenn sie den deutschen Talenten, welche sie teilweise selber ausgebildet haben, kein Vertrauen schenken. Man sollte sich hier mal Bayern München anschauen. Sie holen viele internationale Spitzenspieler aber auch immer wieder deutsche Topspieler ins Team. Das finde ich absolut sinnvoll und es sei dahingestellt, ob ich Dortmund aktuell die Meisterschaft gönnen würde.
2. Zum offensiven Abwehrverhalten bzw. technische Ausbildung in der Jugend muss ich dir absolut widersprechen, weil mit Mahe (Doppelweltmeister), Ernst und Suton ein einziges Internat gleich 3 Spielmacher entwickelt hat, welches in der Ausbildung gnadenlos offensiv deckt. Kühn beispielsweise wurde DM in der A-Jugend mit Düsseldorf. Als Shooter top. Spielerisch fehlt ihm leider der Überblick. Die Ausbildungssysteme in anderen Nationen waren traditionell meist offensiver als beim DHB. Dass man vielleicht gezielt Spielphasen (zeitlich begrenzt) in der Jugend mit defensiven Deckungssystemen einbauen sollte, um insbesondere das Wurfverhalten (s. Dänemark Schlagwurf) zu verbesssern, da würde ich dir absolut recht geben.
Ich finde das Flensburger Team toll und nach vielen Jahren ohne Titel wären 2 Titelgewinne in Folge absolut verdient. Den deutschen Spielern mehr Chancen einzuräumen, da sind die Topvereine in der Bringschuld und da agiert Berlin am vorbildlichsten. Von daher schmerzt die Verletzungsseuche genau dieser Spieler besonders. Aber auch hier glaube ich, dass wir hierzulande zu viel Kraftmeiern. Vorbildlich hier für mich übrigens Machulla, der Röd bewusst Gewichtsreduzierung und Beweglichkeitsverbesserung verordnete. Top!!! Die Generierung von übermäßiger Muskulatur bzw. Körpervolumen halte ich für extrem ungünstig. Aufgrund der unterschiedlichen Entwicklung von Volumen (kubisch) im Vergleich zur Fläche (hier Querschnittsfläche des sich langsamer entwickelnden Sehnenapparats / quadratisch) erhöht die Verletzungsgefahr enorm. Hier agieren die Franzosen ganz anders (Mem Richardson ...) Mich wundert absolut nicht, dass ausgerechnet Glandorf eine lange Karriere mit höchst dynamischen Bewegungen generieren konnte. Machulla macht das im Fall Röd absolut richtig.
Totzdem gilt es die aktuellen Entwicklungen zu erkennen und Maßnahmen zu ergreifen. Die Schuldfrage ist irrelevant.