Quelle Mindener Tageblatt vom 2.7.05
Im Handball-Haus der Lügen und Intrigen
02.07.2005 - - Wer wusste was im Chaos um Wallaus Insolvenzantrag? / Klub kontra HBL / Göppingen spielt für Essen im Europacup
Minden (mt/sid/dpa). Rainer Lusch strahlte. Der 2. Vorsitzende des TV Willstätt war gemeinsam mit Rechtsanwalt Martin Mildenberger nach Minden gekommen, um vor dem Ständigen Schiedsgericht der Handball-Bundesliga (HBL) um die Lizenz zu kämpfen.
Von Marcus Riechmann
Das hatten die beiden Männer des Zweitligisten mit den Vertretern der beiden Bundesligisten Tusem Essen und SG Wallau-Massenheim gemein. Doch darin erschöpften sich die Gemeinsamkeiten, denn Willstätt - seit Donnerstag aus der Spielgemeinschaft SG Willstädt/Schutterwald ausgestiegen - durfte mit der Lizenz in der Tasche den Heimweg antreten.
"Wir konnten unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nachweisen", jubilierte Lusch. Der Stammverein hat beim TV die Trägerschaft für das Zweitliga-Team von der Mitte April in Insolvenz gegangenen GmbH übernommen. Und das erstens zurecht und zweitens auch fristgemäß, wie der Mindener Richter Rolf Nottmeier als Mitglied des dreiköpfigen Ständigen Schiedsgerichts am Donnerstagabend im Mindener Hotel Holiday Inn erklärte.
Wie geprügelte Hunde auf dem Heimweg
Bis zum endgültigen Fristablauf am 3. Juni hätten alle Unterlagen vorgelegen, der Gutachterausschuss habe die Willstätter Vorlagen positiv beurteilt und daher sei die Verweigerung der Lizenz durch den Vorstand der HBL zurückzunehmen, erläuterte Nottmeier.
Während also Lusch und Mildenberger am Abend ihren Triumph still genossen, waren die Vertreter aus Wallau-Massenheim längst wie geprügelte Hunde auf dem Heimweg. Erst in allerletzter Sekunde hatten sie vor dem Schiedsgericht offenbart, dass sie längst einen eigenen Antrag auf Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit gestellt hatten. Seit Eingang des Antrags bei Gericht am 4. April war Wallau nach den Statuten der HBL die Lizenz zu entziehen. Alle mit viel Getöse vorgetragenen Rettungsversuche des mit 1,36 Millionen Euro Schulden belasteten Klubs waren nicht mehr als eine Farce.
"Wallau hat gelogen und betrogen. Es gab um diese Insolvenz schon länger Gerüchte, aber vor Gericht konnten sie nicht mehr lügen", meinte Liga-Geschäftsführer Frank Bohmann, der keine weiteren rechtlichen Schritte gegen die Wallauer Führung erwägt.
Bei den Hessen riefen die Äußerungen Kopfschütteln hervor. Nach SG-Darstellung habe es zwischen der HBL sowie dem Klub und Insolvenzverwalterin Claudia Jansen eine Übereinkunft gegeben, wonach der im April von Ex-Geschäftsführer Volker Haase gestellte Antrag auf Eigeninsolvenz nicht relevant sei. "Hätte die HBL uns gesagt, dass das doch der Fall ist, hätten wir uns das ganze Geld für Anwälte, Gutachten und so weiter gespart", erklärte Geschäftsstellenleiter Henrik Ziegler. Der Wallauer Insolvenzantrag war jedenfalls in Frankfurt nicht unbekannt.
Der ehemalige Weltklasse-Torhüter Andreas Thiel, Rechtsvertreter der Liga, bestritt derweil Wallaus Darstellung, dass die HBL von dem Insolvenzantrag gewusst habe. "Wir wussten es nicht, sonst wäre die Angelegenheit einfacher und schneller erledigt gewesen", meinte der einstige "Hexer": "Die Gerüchte um den Insolvenzantrag kursieren seit vier Monaten. Wir haben damals nachgefragt, und Wallau hat die Nachfrage nicht bejaht."
Thiel erklärte außerdem, dass wegen der jüngsten Querelen das Lizenzierungsverfahren geändert werde. Statt des Liga-Vorstands wird künftig eine unabhängige, dreiköpfige Kommission die Lizenzierung vornehmen. Zudem soll das Prüfungsverfahren statt im Februar bereits im Dezember stattfinden.
Fast tragisch war der Abgang von Mister Tusem, Klaus Schorn, der den Ort, der für ihn und Essen den Sturz in die Drittklassigkeit gebracht hatte, am Donnerstag kaum verlassen wollte. Der 70-jährige Macher der Essener Handballerfolge wähnte sich falsch und ungerecht behandelt und schien den Absturz nicht realisieren zu können. "Alleinherrscher" Schorn geriet mit dem Traditionsklub in die Bredouille, da der Hauptsponsor die vertraglich zugesicherten Gelder in Höhe von 2,77 Millionen Euro nicht zahlte. Schorn, hat aus seinem Privat-Vermögen dem Verein beträchtlich unter die Arme gegriffen. Bis auf zwei Monate haben die Spieler ihre Gehälter erhalten.
Tusems sportlicher Leiter Hans-Dieter Schmitz war total geschockt: "Das ist ein schwarzer Tag und schlimm für die Region. Da wieder hochzukommen, ist ganz, ganz schwer." Die Spieler verlassen bereits den Tusem-Dampfer: Oleg Velyky geht zu Kronau/Östringen, Crischa Hannawald zu Großwallstadt und Gudjon Sigurdsson zum VfL Gummersbach. Den Weg vor die ordentlichen Gerichte will Essen nicht beschreiten.
Bredemeier: Das hat uns alle überrascht
"Es ist bitter. Essen und Wallau gehören ins Erscheinungsbild der Bundesliga. Persönlich leid tut es mir für Klaus Schorn und Bodo Ströhmann, die sehr, sehr viel in ihre Klubs investiert haben", erklärte Bundestrainer Heiner Brand. Manager Uwe Schwenker vom Meister THW Kiel bedauerte die Entscheidung: "Aber wir müssen dokumentieren, dass wir ein seriöser Partner für Wirtschaft und Fans sein müssen. Der bezahlte Sport braucht ein wirtschaftlich gesundes Rückgrat." GWD-Manager Horst Bredemeier mochte die Entscheidungen des Schiedsgerichts nicht kommentieren, dafür aber die Wallauer Eigeninsolvenz-Posse: "Davon hat keiner was gewusst. Das hat uns alle überrascht." GWD hatte von den Lizenzentzügen gegen Wallau und Essen profitiert und brauchte nicht mehr in die Relegation um den Klassenerhalt.
Dank des Essener Regionalliga-Abstiegs wird FA Göppingen nach 32 Jahren Pause wieder im Europapokal spielen. Der Handball-Bundesligist nimmt den Platz des Europapokalverteidigers im EHF-Cup ein. "Die Europäische Handball- Föderation akzeptiert keine Meldung eines Regionalligisten", sagte Frank Bohmann, gestern. Göppingen hatte als Achter der Meisterschaft und Vierter der DHB-Pokalendrunde jeweils einen Europacupplatz verpasst. Sport-Tageblätter
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