Ich hätte die D-Jugend behalten sollen…..
Liebes Handballtagebuch,
Monatelang hat harmi nachts nicht mehr geschlafen. Zu schwer lag die Last auf seinen Schultern, die weibliche C zu übernehmen. Ein wilder Haufen pubertierender Schönheiten, Pastorentöchter, Zicken und Klosterschülerinnen sollte innerhalb von sieben Wochen zu einer Mannschaft geformt werden, mit der die Quali zur Landesliga erreicht werden sollte. 
Nur vier Mädels aus der letzten Saison blieben in der Mannschaft. *Caro*, *Jutta* und die Zwillinge *Hanni* und *Nanni*. Die Zwillinge waren schon in der letzten Saison Leistungsträger gewesen, während *Jutta* und *Caro* sehr viel auf der Bank saßen. Dazu noch mal Zwillinge (*Mary* und *Nora*) und eine Torhüterin (*Jule*) aus der C2 und sieben jüngere Mädels aus der D1. (*Biene*, *Josie*, *Sabine*, Nadine*, *Lisa*, *Silke* und *Jenne*) Das konnte ja heiter werden.
Warum haben wir nur andauernd so viele Zuschauer beim Training? Was wollen die Jungs aus der B-Jugend immer so früh in der Halle? Die haben doch erst um 19:00 Uhr Training. Und pünktlich sind die doch sonst auch nie! Interessieren sie sich für unser Training? Wollen sie selber Nachwuchstrainer werden? 
Es muss wohl an *Caro* liegen. Freundlich, groß, schlank und auch sonst schon sehr weiblich, dazu auch noch hübsch, zieht mit ihren fast 14 Jahren im Freibad schon die Blicke auf sich. Die pubertierenden Pseudo-Männer aus der C- und B-Jugend schmachten förmlich auf der Bank dahin, wenn Caro beim Training alles gibt und zwischendurch im hautengen, etwas zu kurzen T-Shirt einen Meter von den Jungs entfernt Dehnübungen macht oder genussvoll einen Schluck aus der Wasserflasche nimmt. 
Auch die anderen älteren Mädels sind begehrt. Zum Beispiel die hübsche und freundliche, aber etwas schüchterne *Jutta* mit den klimpernden Kulleraugen. Sie wartet sicherlich schon sehnsüchtig auf den Tag, wo der Zahnarzt ihr endlich die Zahnspange entnimmt, damit sie auch mal „richtig“ küssen kann. 
Die lieben, wohlerzogenen Zwillinge *Hanni* und *Nanni* mit ihren endlos langen Beinen haben keine Zahnspange, aber mittlerweile mehr Verehrer, wie ihrer ebenfalls attraktiven, aber sorgenvollen Mutter lieb sein dürfte. 
Lediglich die Verehrer von *Jule*, unserer zweiten Torhüterin, haben noch nicht mitbekommen, dass sie mittlerweile bei uns in der C1 spielt. Bei den Trainingsnachmittagen der C2 gibt es massenweise enttäuschte Gesichter bei den coolen Baseballkappenträgern mit den weit herunter rutschenden Hosen. Sie haben wohl noch nicht mitbekommen, dass die brünette Schönheit mit den dunklen Augen die Fronten gewechselt hat. Wenn die spitz kriegen, wann und wo *Jule* jetzt trainiert, werden wir beim Training vor lauter zuschauenden Balzhähnen wohl die Tribüne öffnen müssen. 
*Mary* und *Nora* haben anscheinend auch Verehrer in *Jules* Fanclub, scheinen aber bemüht zu sein, sich auch bei *Caros* Fanclub zu empfehlen.
Für die jüngeren Spielerinnen scheint sich das andere Geschlecht noch nicht zu interessieren. Umgekehrt scheint es genau so. Lediglich ein Klassenkamerad von *Jenne* schaut ab und zu vorbei, aber nicht, um zu balzen, sondern um beim Trainingsspiel den Schiedsrichter zu machen und zwischendurch mal aufs Tor zu ballern. Warten wir es ab, ob er wirklich nur pfeifen will… 
Hatte harmi anfangs noch gedacht, der pubertäre Voyeurismus unseres zuschauenden Nachwuchses sei eventuell dem Training kontraproduktiv, stellt sich doch nach und nach ein positiver Effekt heraus. Unsere Grazien lassen sich bisher nicht ablenken, sondern zeigen den verkappten Gigolos, was sie handballerisch alles so drauf haben. Dieser Effekt macht sich vor Allem beim letzten Quali-Turnier in eigener Halle voll bezahlt. 
Unser Abwehrrecke *Caro* beginnt im ersten Spiel nervös, steigert sich aber, nachdem ein Haufen lärmender Jungs in die Halle kommt und mit gnadenlos schlechtem Benehmen unseren Ehrenvorsitzenden und die miteinander befreundeten Großeltern von *Sabine* und *Nadine* aus der Nordkurve vertreibt. Nach dem ersten Spiel beschwert sich einer der Schiedsrichter über den pöbelnden Mob. Eine kurze aber knackige Ansprache von harmi an den Rädelsführer und gleichzeitig größten *Caro* - Verehrer, und schon wendet sich das Blatt. Brav feuern die Jungs unsere Mädels an und steigern sich dabei. Sobald wir in der Abwehr stehen, skandieren sie: „Defense … Defense …“ *Nadines Oma versteht: „Die Fans, die Fans“ und wundert sich, warum die Jungs sich selbst feiern.

Die Schnösels bejubeln frenetisch jede gelungene Abwehraktion von *Caro*, was unseren Turm in der Schlacht noch mehr anspornt. Gemeinsam mit den jetzt ebenfalls motivierten *Hanni* und *Nanni* meldet sie in den nächsten beiden Spielen den gegnerischen Rückraum komplett ab. Zwei, bzw. ein Gegentor zur Halbzeit sprechen Bände.

Die vierte im Abwehrzentrum, unser Mauerblümchen *Josie*, lässt sich hingegen gar nicht durch die Jungs beeindrucken, sondern richtet sich an der Leistung der Mitspielerinnen auf. Mit unglaublicher Ruhe bringt sie als Libero gnadenlos die gegnerischen Kreisläufer zur Verzweiflung, während sie immer dort aushilft, wo es brenzlig wird. Unsere Gegner werfen zwischenzeitlich nur noch von außen oder machen passives Spiel. Nebenbei erzielt *Josie* ihre ersten vier Tore in der C-Jugend. Die Halle tobt, motiviert durch die Schlachtgesänge aus der Nordkurve. Selbst *Sabines* Opa feuert an. 
Auch *Jutta* vergisst für einen Moment ihre Zahnspange und das daraus resultierende Kussproblem, wirbelt plötzlich im Angriff und trifft das Tor. Ihre Ohren verhindern, dass sie im Kreis grinst, man erkennt ihre schicke Spange mit den bunten Brackets. 
Die jüngere Klosterschülerin *Nadine* hingegen scheint das alles nicht zu interessieren. Sie spielt wie gewohnt mit versteinerter Miene ihren Stiefel herunter und zeigt, wie hart sie doch auch von der Außenposition werfen kann, indem sie der Torhüterin den Scheitel neu zieht. Das bringt ihr eine Ermahnung des Schiedsrichters, doch bitte nicht in Richtung Kopf zu werfen. Er sollte lieber froh sein, dass er den Ball nicht abbekommen hat. 
Das letzte Spiel läuft super, aber die Mitspielerinnen sollen auch noch mal ran. *Jutta* wird als erste ausgewechselt. Für sie kommt *Nora*, die mittlerweile auch Interesse an den Mitgliedern der Nordkurve bekommen hat und dies gleich mit Toren untermauern will. *Jutta* blickt nach der Auswechselung zur Tribüne und entdeckt anscheinend ihren ebenfalls Zahnspange tragenden Verehrer. Kreisgrins, bunt blinken ihre Brackets, von der Tribüne kommt ein Blinken zurück. „Harmi, komm ich noch mal drauf?“
„Klar, Jutta, aber nur, wenn du zwischendurch auch noch mal deine Mitspielerinnen anfeuerst.“ Der dankbare Dackelblick und die blinkenden Brackets lassen harmi dahin schmelzen. 
*Hanni* und *Nanni* haben sich mittlerweile in einen Torrausch gespielt und wirbeln den Gegner schwindelig. Beide müssen jetzt auch mal runter. Statt aber den verdutzten Trainer abzuklatschen, wird zur Nordkurve gewunken. Ihre Mutter schaut besorgt. 
*Jule* ist mittlerweile im Tor. Da ihr Fanclub auch heute nicht da ist, empfiehlt sie sich den Machos aus der Nordkurve und hält, was zu halten ist. Mit ihrem hinreißenden Lächeln bedankt sie sich bei den Fans. Das dürfte den anderen Grazien wohl je ein bis zwei Verehrer kosten.
*Mary* hat Pech und sitzt derweil zähneknirschend auf der Bank, weil sie seit zwei Wochen verletzt ist und daher von niemandem angefeuert wird.
Als Letzte im Bunde der Abwehrrecken muss Kampfschwein *Caro* jetzt das Schlachtfeld verlassen. Vorher zimmert sie mit aller Urgewalt auf harmis Zuruf den Ball noch einmal aus zehn Metern an Freund und Feind vorbei in die Maschen. Der saß! Der Torschiedsrichter ist ob dieser Granate so erschrocken, dass er seine Pfeife verliert. Sonderapplaus und Standing Ovations aus der Nordkurve, als *Caro* zur Auswechselbank kommt. Der Großteil der Möchtegern – Casanovas bekommt vom Rest des Spiels nicht mehr viel mit, weil die schmachtenden Augen nur noch zur Auswechselbank sehen. Erleichterung macht sich hingegen beim gegnerischen Rückraum breit, als *Josie*, *Caro*, *Hanni* und *Nanni* endlich auf der Bank sitzen.

*Nora* hat ihre Bewerbung für den Fanclub mit gleich vier Treffern abgegeben, kommt freudestrahlend vom Feld und winkt vorsichtig in die Nordkurve. *Mary* nutzt den Moment und übt sich im synchronwinken mit ihrer Schwester. 
*Jutta* darf wie versprochen noch mal mit den Jüngeren ran, die anscheinend die Anwesenheit der Nordkurve völlig ignorieren und unter *Lisas* Regie für *Sabines* und *Nadines* nordkurvenvertriebene Großeltern zaubern. *Nadine* hämmert zur Freude ihrer entzückten Oma noch mal ein, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Zu guter Letzt setzt *Lisa* unsere *Jutta* kurz vor Schluss per Bodenpass noch mal in Szene. Die lässt sich die Chance auf ein weiteres Zahnspangengrinsen ihres Verehrers nicht entgehen und tunnelt die gegnerische Torhüterin erneut von außen. Die ganze Halle grinst mit ihr im Kreis. 
Während nach dem ersten Siegesjubel die Grazien unter den besorgten Blicken der *Hanni* und *Nanni* - Mutter in der Nordkurve verschwinden, fragt unser Küken *Lisa* ihren Trainer mit ihren unschuldigen Knopfaugen, was das denn wohl für bekloppte Jungs waren. Anschließend winkt sie ihren Eltern zu. Harmi zuckt mit den Schultern und denkt: „Eines Tages wird auch dein Fanclub in der Nordkurve sitzen…“ 
Hätte ich doch nur vorher gewusst, dass es nur die Jungs sind, die die großen Mädels motivieren….
Aber halt. Mittwoch nach dem Turnier Training ohne Tasche beim Dönermann. Während die Mädels sich an Pizza und Döner laben, erzählt uns *Caros* Mutter *Karla*, die wir als Betreuerin eingespannt haben, den wahren Grund der drei Siege. *Caro* war vormittags mit ihrer Oma in der Kirche gewesen und hatte für die Mannschaft gebetet. Klar, dass sie dann so göttlich spielen musste. Von der Nordkurve will Mutter *Karla* allerdings nichts mitbekommen haben… Mütter halt. 
Wenn Handball doch so einfach wäre!
Gruß, harmi