Mütter...
Harmi: Ein Mann wie du und ich. Einundvierzig Jahre alt, 189 cm groß, 86 kg schwer, noch etliche Haare auf dem Kopf, einige davon mittlerweile in dezentem friedhofsblond, Brillenträger, stark kurzsichtig, seit 15 Jahren verheiratet, zwei Kinder, seit über dreißig Jahren beim Handball, nach einer Knieverletzung nur noch als Jugendtrainer im weiblichen Bereich tätig. Uralter Handballadel, schon Harmis Opa spielte seinerzeit Handball.
Harmi: Ein Mann wie du und ich. Familie, Haus, Garten, drei Goldfische. Sportabzeichen, Freischwimmer, Gelegenheits- Blutspender. Einer kühlen, frisch gezapften Hopfenkaltschale ebenso wenig abgeneigt, wie dem Blick nach einer attraktiven Frau in seiner Altersklasse, frei nach dem Motto: Appetit holen erlaubt, gegessen wird zuhause. ![]()
Ein solch gestandener Mann im besten Alter ist eigentlich durch nichts mehr zu erschüttern. Daher hatte man ihm auch das Training der weiblichen C-Jugend anvertraut. Nachdem er die pubertierenden Schönheiten Zicken und Klosterschülerinnen bereits ein halbes Jahr durch alle Höhen und Tiefen gesteuert hatte, sollte ihn dann doch eines Tages der Schlag treffen.
Harmi hatte vor Antritt des Traineramts festgelegt, dass immer eine Mutter nach dem Training anwesend ist, falls eines der Mädels beim Duschen mal Shampoo in die Augen bekommt, auf der Seife ausrutscht, sich beim Schminken verletzt oder beim umziehen in der Unterwäsche verheddert. Caros Mutter Klara, die auch gleichzeitig als Betreuerin engagiert wurde, ist nahezu immer da, also braucht nur selten mal eine andere Mutter einzuspringen. Das gibt dem Trainerstab gleichzeitig die Gelegenheit, nach dem Training noch Dinge wie Mannschaftsparty usw. zu besprechen.
Wenn Klara mal keine Zeit hat, kommt meistens Edda, die Mutter von Hanni und Nanni. Edda ist gleichzeitig Jugendwartin und erscheint sowieso öfters mal nach dem Training, um mit Harmi und Karlchen gewisse Dinge abzuklären. Also eigentlich die ideale Konstellation. Beide Damen sind ebenso attraktiv wie mitteilungsfreudig, was Harmi und Karlchen bisher so manchen netten Plausch nach dem Training beschert hat. ![]()
Training in den Ferien. Da die Saison schon sehr früh beginnt, hat Harmi die Mädels schon in der zweiten Hälfte der Ferien zum Training bestellt. Edda hatte für Harmi zwei Hallenzeiten wöchentlich reserviert, da lässt sich doch ganz toll was machen. Hanni und Nanni sind selbst bei den ersten Einheiten nicht dabei, weil sie mit ihren Eltern noch im Lande der Pharaonen weilen.
Karlchen weilt auf Fuerteventura, also muss Harmi beim Training alleine ran. Klara hat auch Urlaub und somit auch nicht jedes Mal Zeit, da unsere Powerfrau mit ihren Lieben ein paar Tagestouren macht. Einmal darf also Harmis Frau Berta, ein weiteres Mal darf Nadines Mutter die Mädels nach der obligatorischen halben Stunde aus der Kabine jagen. Als Edda aus dem Urlaub zurück ist, übernimmt sie den Job. Karlchen ist auch noch im Urlaub, da muss Harmi halt mal alleine trainieren. Trotzdem läuft alles prima. Die Mädels sind heiß wie Frittenfett und trainieren volles Programm.
Dann das: Während des Trainings geht die Tür auf und Edda erscheint. Harmi freut sich und denkt: „Nanu, hat Klara schon wieder einen Zoobesuch, einen Einkaufsbummel oder eine Radtour geplant?“ Weiter geht’s mit Training. Wieder geht die Tür auf. Klara erscheint. Harmi freut sich wieder und denkt: „ Na super, zwei hübsche Damen im besten Alter, die dich nach dem anstrengenden Training wieder aufrichten.“ Klara und Edda bereichern das Training derweil durch einen immensen Austausch von Urlaubserfahrungen in einer dem ruhigen Trainingsbetrieb nicht unbedingt angepassten Lautstärke. ![]()
Harmi hatte jemanden für das Torwarttraining engagieren können und muss daher beim Wurftraining selbst ins Tor. Während Klara und Edda ihre Töchter anfeuern, entwickelt Harmi sich zum ballfressenden Monster. Die Mädels wollen natürlich nicht verlieren und geben alles. Die Trefferquote steigt. Harmi gibt ebenfalls alles, um den beiden Grazien auf der Bank zu imponieren.
Caro und Hanni wird es irgendwann zu langweilig, fast jedes Mal ein Tor zu erzielen. Sie üben sich im Torwart abschießen. Anscheinend haben die Mädels sich ein wenig abgesprochen. Unerbittlich wird Harmi als lebende Zielscheibe missbraucht. Die letzten Bälle kommen wieder etwas besser, aber Harmi hat Blut geleckt. Endstand 41:39 für Harmi! Peinliche Niederlage für die Mädels. Der alte Sack im Tor hat ihnen und ihren Müttern gezeigt, was eine Harke ist! ![]()
Trainingsende. Harmi hat volle Granate mitgemacht, mal wieder alles gegeben und schwitzt noch mehr als die Mädels. Das schicke leuchtendgrüne hautenge Leibchen, das er nach einem Parteiballspiel noch anhat, scheint hervorragend zu dem knallroten T-Shirt zu passen. Als Harmi zur Bank geht, sagt Klara: „Mensch Harmi, hast du dich ja schick gemacht!“ Ein Lob von Klara! Das geht runter wie Öl! Harmi überlegt, ob er es anlassen soll, bis die Damen nach Hause gehen und versteht nicht, warum Edda vor Lachen fast von der Bank fällt. ![]()
Klara verteilt schnell eben ein paar Schokoriegel an die Mädels, weil sie Geburtstag hatte. Harmi kriegt keinen, weil er auf Klaras Geburtstagsparty bereits eine halbe Tüte dieser Köstlichkeiten verzehrt hatte. Währenddessen läuft ihm der Schweiß nur so runter und er entledigt sich des Leibchens. Gleichzeitig benötigen die Füße ein wenig Luft. Also Schuhe aus. Das gibt einen strafenden Blick von Edda, während sie sich zwei Meter von Harmi entfernt. Klara hat ihre Schokoriegel verteilt, entdeckt Harmis ausgezogene Schuhe und setzt sich noch weiter weg, als Edda. Während Harmi die Bälle einsammelt, leiht Edda sich Hannis Deo aus und sprüht von weitem Harmis verwaiste Schuhe ein. ![]()
So, die Hallenhälfte ist wider aufgeräumt. Statt aber jetzt duschen zu gehen, begeht Harmi einen fatalen Fehler und setzt sich wieder zu seinen Grazien, weil er von beiden noch etwas wissen muss. Noch bevor Harmi zu einem seiner gefürchteten Flirts ansetzen kann, prasselt ein Wortgewitter auf ihn nieder. Edda war bei einer Vorstandssitzung gewesen und wollte erzählen was es so neues gab. Klara war die letzten dreimal nicht beim Training gewesen und musste alles nachholen, was sie Harmi sonst erzählt hätte. Unfassbar. Wie kann man innerhalb von nur fünfzehn Minuten achtunddreißig Themen durchkauen? Auswärtsfahrten, Urlaubsreise, Zeitnehmerlehrgang, Hotelbar, Trainingszeiten, Einkaufsbummel, Trainerschein, Kinoprogramm, Trainersitzung, Wetterfrust, Abteilungsversammlung, Lichtschutzfaktor, Mannschaftsparty, Einkaufszentrum, usw. Alles ohne jede Ordnung in lockerer Reihenfolge. Harmi kann schon nach drei Minuten kaum nach folgen, nickt nur noch und antwortet dreimal, nachdem Edda ihn direkt anspricht und die Frage noch mal wiederholt.
Irgendwann ist Harmi nicht mehr Herr seiner Sinne, steht völlig gerädert auf, zieht seinen Trainingsanzug an, räumt auf und geht vorsichtig aus der Halle, während Edda und Klara noch über Bikinistreifen und Taucherbrillen diskutieren. Doch die beiden haben ihn bemerkt und folgen ihm. Hanni und Nanni sind als erste beim duschen fertig und drängen ihre Mutter, nach hause zu fahren. Ufff, jetzt wird es einfacher. Mit nur einer Frau war Harmi bisher immer klar gekommen. Harmi schaut Klara an. Die schaut ihn ebenfalls an und fragt: „Ist noch was, Harmi?“
Harmi: „äääh, ja, irgendetwas wollte ich dich noch fragen, äääh, fällt mir gerade nicht ein.
Klara: „Also von mir aus ist alles klar, ich hab dir alles gesagt, was du wissen musst.“
Aha! Klara hatte Harmi also etwas Wichtiges mitgeteilt. Schade nur, dass Harmi es nicht mitbekommen hatte. ![]()
Harmis Kopf ist voll und gleichzeitig leer. Als er Klara noch mal fragen will, was sie denn so alles sagen wollte, ist sie schon in die Kabine abgerauscht, um die Mädels anzutreiben, die mal wieder länger als 30 Minuten für das Schickmachen benötigen. Klara kommt mit den Mädels aus der Halle, schwingt sich auf Ihr Fahrrad und sagt: „Tschüß, Harmi, bis gleich, ich bin so gegen 20:00 Uhr bei Euch!“ Harmi stutzt. Was will die denn bei uns? Egal, ab nach hause und dann der Dinge harren, die da kommen.
Harmi sucht sein Fahrrad und bemerkt, dass er mit dem Auto gekommen war. Warum war er nur mit dem Auto gefahren, es war doch gutes Wetter? Ach ja, er sollte noch was einkaufen, aber was? Jenne steigt ein und erzählt, dass es Freitag Lasagne gibt. Stimmt! Gehacktes sollte Harmi kaufen. Gut, dass Jenne dabei ist. Trotzdem biegt Harmi nach links ab, obwohl der Kombispardiscounter doch in der anderen Richtung liegt. Auf Intervention seiner aufmerksamen Tochter dreht Harmi um und fährt einkaufen. Als sie zuhause ankommen fragt Berta besorgt, ob etwas Schlimmes passiert sei. Harmi antwortet: „Nein, nix schlimmes, nur Edda und Klara gleichzeitig in der Halle.“ Berta weiß sofort, was da abgelaufen sein muss, lacht und sagt: „Haben die beiden Frauen dich also fertig gemacht?“ Harmi nickt und isst still sein Leberwurstbrot.
Kurz nach 20:00 Uhr erscheint Klara tatsächlich bei Harmi. Harmi hatte es schon wieder vergessen, weil sein Kopf noch nicht wieder frei war und schaut sie dumm an:
„Hi Klara, hast du noch was vergessen?“
„Quatsch, ich hab doch gesagt, dass ich noch vorbei komme.“
Stimmt, das hatte sie wohl gesagt. Es dämmert in Harmis Kopf. Was wollte sie nur? Den Garten ansehen? Mit Berta quatschen? Ein Bier trinken? ![]()
Harmi bittet sie ins Esszimmer und bietet ihr einen Stuhl an. Klara lehnt ab, schaut hin und her und fragt ungeduldig: „Wo ist es denn?“
Harmi: „was?
Klara: „Das Buch!“
Harmi: „Welches Buch“
Klara: „Sakrileg, du wolltest es mir doch ausleihen. Ich habe dich in der Halle gefragt und du hast genickt.“
Harmi hatte irgendwann in der Halle nur noch genickt und hoffte, dass er jetzt nicht irgendwas abgenickt hat, was er später bereuen sollte. Während Harmi das Buch sucht, quasselt Klara mit Berta. Dann erzählt Klara, dass sie Freitag mit ihren Lieben nach Hamburg fahren will und sie jetzt keine Zeit hätte, weil sie noch etwas vorbereiten müsse.
Berta: „Schade, ich dachte, du trinkst noch ein Bier mit uns.“
Klara: „Nee, ich hatte Harmi doch schon erzählt, dass ich keine Zeit habe.“
Hatte sie??? ![]()
Noch bevor Harmi Klara fragen kann, was sie denn in der Halle noch so alles gefragt und gesagt hat, hat sie sich schon wieder verabschiedet, nicht ohne noch vorher über den tollen Blumenstrauß aus Harmis Garten zu schwärmen, den sie zum Geburtstag bekommen hatte. Ein Wink mit dem Zaunpfahl! Harmi will schnell noch einen pflücken, aber Klara ist schon aufgestiegen, gibt Gas und hinterlässt nur noch einen Kondensstreifen. Harmi schaut ihr nur fassungslos hinterher…
Harmi ist ratlos. Seit fast einem halben Jahr hat er nun seine Mädels trainiert. Er kam bisher immer gut gelaunt vom Training, angeregt durch die sportliche Leistung, die er selbst erbracht hat und die netten Unterhaltungen mit seinen Lieblingsmüttern. Jetzt hatten die beiden sich bei ihm furchtbar gerächt, nur weil er unter ihren wachsamen Augen beim Spiel gegen die Mädels gewonnen hatte! Der Stachel sitzt tief! ![]()
Harmi hatte sicherlich mindestens dreißig handballtechnische Informationen erhalten, von denen er keine mehr in sein Gedächtnis zurückbekommt. Am späten Abend hat er sich dann so weit gesammelt, dass er wenigstens wieder klar denken kann. Er sendet Klara und Edda eine Mail und bitte beide, ihm noch mal alles schriftlich mitzuteilen. Gleichzeitig mögen beide sich bitte in Zukunft absprechen, wer wann kommt, oder sich nach dem Training um eine Privataudienz bei Harmi bemühen. Und die Hallentür wird demnächst abgeschlossen! So etwas würde Harmi nicht wieder passieren.
Schöne Wochenende, Harmi