Qualifizieren kommt von Qual. Sich für die Landesliga zu qualifizieren, ist eine solche Qual.
Schon im Februar hatten Harmi und Karlchen mögliche Kandidatinnen für die neue Mannschaft zum Training gebeten. Zwei Mädels aus der C2 und vier Mädels aus der D1 nutzten ihre Chance und qualifizierten sich für die C1. Es wurden handballerisch und menschlich würdige Nachfolgerinnen für Caro, Hanni, Nanni und Co. gefunden. Was jetzt noch fehlte, war eine Nachfolgerin für Klara, die nach einer solch intensiven Saison mit einem beklopptem Trainer ihr handballtechnisches Engagement aus privaten Gründen ein wenig zurückschrauben wollte.
Also gehen Harmi und Karlchen schon frühzeitig auf die Suche nach einer Betreuerin. Voraussetzung nach dem Vorbild Klara: Multitaskingfähige Powerfrau mit viel Humor und gnadenloser Bereitschaft, mindestens das Gleiche einzustecken, was sie austeilt. Orientierungslosigkeit ist zwar witzig, aber nicht unbedingt erforderlich.
Lisas Mutter Geli scheint für diese Position wie gemacht. Nach der zweiten Flasche Bier im Hause Geli hat Harmi seine Favoritin weich gekocht. Geli qualifiziert sich als neue Betreuerin!
Dazu kommt noch unser Maskottchen Bruno, ein Stoffbär, der so groß ist, dass ihm ein Trikot und eine Hose passen. Der nimmt auf der Auswechselbank und im Auto glatt einen ganzen Sitzplatz ein. Jetzt kann ja nix mehr schief gehen.
Quali zur Landesliga, erste Runde. Sabines Vater erschrickt sich auf der Fahrt zum Treffpunkt tierisch, als ihn beim Blick in den Rückspiegel plötzlich zwei dunkelbraune Augen anschauen. Bruno hatte bei Sabine übernachtet und den Mittelsitz in Johanns Auto beansprucht. Bruno ist voll integriert, darf sogar in der Kabine bleiben, wenn die Mädels duschen. Sein Trikot mit der Nummer 7 steht ihm gut, muss der eigentlich in den Spielbericht eingetragen werden? 
Die ersten beiden Turniere laufen gut, wir haben es mit Gegnern unterschiedlichsten Kalibers zu tun. Im ersten Turnier liegen wir im ersten Spiel 0:2 zurück, dann hat die Abwehr sich gefunden und die Fronten sind abgesteckt. 10:2 für uns, Gegners Rückraum ist jetzt einmal komplett durchgewechselt. Die Spielmacherin sitzt auf der Bank und jammert: „Die fassen einen dauernd an!“ 12:4 nach dreißig Minuten. Der erste Sieg wäre unter Dach und Fach!
Der nächste Gegner ist sehr stark in Sachen schnelle Mitte und Tempogegenstoß. Deren Abwehrarbeit lässt allerdings zu wünschen übrig, wir gewinnen 19:14. Jetzt noch mal gewinnen und wir haben in der nächsten Runde Heimrecht. 
Die Mannschaft des Ausrichters hatte beide Spiele hoch verloren. Harmi motiviert die Mädels, trotzdem noch mal alles zu geben. Nadine darf jetzt von Beginn an ran, Sabine darf sich mal eben ausruhen. Bruno bleibt auf der Bank. Nach drei Minuten führen wir schon 4:1. Harmi überlegt, eine Spielerin vom Feld zu nehmen und Bruno einzusetzen, aber der hat noch keine Spielberechtigung.
Auf Karlchens Hinweis steigt Nadine bei 10 Metern hoch, um über den Block zu werfen. Mit leichtem Hang zur Selbstverstümmlung springt ihre Gegenspielerin auch hoch und blockt Nadines Granate mit dem Unterarm. Aua, das tat weh. Die Tränen fließen. Ein Zuschauer sagt: „Hoffentlich ist da nix gebrochen.“ Sabines Vater tröstet das arme Kind von der Tribüne: „Sei froh, dass der nicht ins Gesicht gegangen ist.“ Ein Eislolly mindert den Schmerz, aber der Arm ist trotzdem doch recht dick geworden. Zur Halbzeit führen wir mit 12:4. Zeit, etwas Neues zu versuchen.
Alle Spielerinnen spielen jetzt auf Positionen, die sie sonst nie besetzen. Jenne ist Spielmacher, Frieda Kreisläufer, Sabine ruht sich auf Rechtsaußen aus. Unser völlig überforderter Gegner gibt alles, aber das reicht nicht, 24:7 für uns. Geht doch! 
Zweite Runde, der Tabellenerste ist direkt qualifiziert, Platz 2 und 3 müssen in die dritte Runde. Lisa fällt wegen einer Blinddarmoperation nach dem ersten Turnier aus. Ein riesiger Verlust. Unsere Spielgestalterin fiebert aber während der zweiten Runde in einer Art Live-Konferenz Sporthalle – Krankenhaus über Papas Handy mit. Den hat sie zur Halle geschickt und auf Besuch verzichtet. 
Klar, dass wir wieder eine der stärksten Mannschaften der letzten Saison in unserer Gruppe haben. Irgendwie muss man doch verhindern, dass alle Mannschaften der Liga in der nächsten Saison in den südwestlichsten Zipfel Niedersachsens reisen müssen. Gleich zu Beginn müssen wir uns mit den Friesländern abplagen. Bis zum 5:5 geht alles gut, die Abwehr funktioniert, der Angriff tut sich erwartungsgemäß schwer gegen deren massive Deckung. Dann haben wir zweimal Pech, die Anderen zweimal Glück und schon ist das Spiel entschieden. Unsere Pfostentreffer rollen ins Feld zurück, deren Pfostentreffer rollen ins Tor. Das 8:14 spiegelt nicht den wahren Spielverlauf wieder, aber verloren ist verloren. Dann müssen wir halt die anderen Spiele gewinnen, damit wir auch in der dritten Runde Ausrichter sind.
Unser zweiter Gegner ist ausschließlich mit 94er Spielerinnen angetreten. Die kleinen flinken Spielerinnen spielen zwar schön, können aber gegen unser aggressiv spielendes Abwehrbollwerk nicht viel ausrichten. Über 6:0 führen wir zur Habzeit mit 12:2. In der zweiten Hälfte wird gewechselt und getestet, Leistungsträger werden geschont, das Spiel gewinnen wir sicher mit 21:11.
Auch das letzte Spiel wird souverän mit 16:7 gewonnen. Also haben wir wieder Heimrecht. Vatertag fällt aus, alle Eltern werden am Himmelfahrtstag wieder eingespannt.
Die Mannschaft ist prima! Die neuen Spielerinnen haben sich gut eingeführt und zählen teilweise schon zu den Leistungsträgern. Vor allem die Abwehrarbeit klappt hervorragend. Karina „Roggisch“ und Silke „Boldsen“ verschleißen gleich mehrere Rückraumspielerinnen. Lisa fehlt uns vor allem im Angriff ein wenig. Bei der dritten Runde sitzt sie auf der Bank, kümmert sich um Maskottchen Bruno und feuert die anderen an. 
Himmelfahrt, Vatertag! Die Väter sind allerdings nicht mit Schnaps und Bier unterwegs, sondern in der Halle, um ihre Mädels anzufeuern. Turnierbeginn. Die Abwehr spielt wieder hervorragend. Offensiv, mit dem Ziel, Abspiele aus dem Parallelstoß zu verhindern. Im ersten Spiel führen wir bereits 9:0, als das erste Gegentor fällt. Unser Gegner kommt mit der Abwehr überhaupt nicht klar, während Gegners Eltern auf der Tribüne schimpfen, dass deren Mädels überhaupt nicht zupacken. Silke kocht eine Linkshänderin weich, Karina fuchtelt auf Vorne Mitte überall drin rum, Johannes Gegenspielerin kriegt keinen Ball vernünftig abgespielt. Den Rest fischt Biene im Tor ab. Lisa hat Bruno mittlerweile ein paar Turnschuhe angezogen, falls der noch mal aufs Feld muss. Auch mehrere Auswechslungen bremsen den Spiel- und Abwehrfluss nicht, Carola muss zwar zwei Bälle aus dem Tor fischen, zeigt aber ansonsten, dass sie bei Karlchen auch was gelernt hat. 15:3 ist doch ein guter Start. Auch Bruno sieht zufrieden aus.
Zweites Spiel. Geli scheint eine Klinikpackung Dextro-Energen gekauft zu haben. Vor jedem Spiel gibt es ein Leckerli für Spielerinnen und Trainergespann. Nur Bruno kriegt keins, der ist dick genug. Unser Gegner lebt mehr oder weniger von einer bärenstarken Spielmacherin, die auf allen Positionen zu finden ist und ständig für Unruhe sorgt. Wir haben allerdings sechs Spielzerstörerinnen auf dem Feld, die in ihrer Aufgabe voll aufgehen. Abwehr scheint Spaß zu machen. Plötzlich ein Gepolter auf der Bank. Bruno hat einen Turnschuh verloren. Dumm, wenn man keine Füße hat…. Das Spiel läuft gut, alle Spielerinnen dürfen ran und zeigen, was sie können. 12:6, wieder ein deutlicher Sieg! Vorne leider viele Torchancen nicht genutzt. 
Der Tabellenerste ist direkt qualifiziert, der Tabellenzweite dürfte dann Sonntags noch mal in einem Entscheidungsspiel ran. Das wollen wir uns natürlich ersparen. Unser nächster Gegner aus dem Emsland hat ebenfalls beide Spiele gewonnen, ist in der Tordifferenz aber zwei Tore schlechter, da reicht uns sogar ein Unentschieden. Spannung pur in der Halle, als das Finale angepfiffen wird.
Harmi ist nervös, Karlchen auch. Und Geli? Die ist gar nicht mehr ansprechbar. Harmi will sich setzen und muss feststellen, dass Bruno mittlerweile seinen Platz eingenommen hat. Da müssen wir wohl noch mal eine Kleinigkeit klären…. 
Unser Gegner spielt sehr viel über Tempogegenstöße und nutzt von uns verworfene Bälle teilweise eiskalt aus. Aus dem Positionsangriff heraus passiert bei denen allerdings nicht das meiste.
Das Spiel geht hin und her, Harmis Mädels sind nervös und können in der ersten Halbzeit nicht an die Leistung der letzten Spiele anknöpfen. 7:6 für den Gegner. Harmi motiviert noch mal: „Ihr habt jetzt nur 50% gegeben, also gebt in der zweiten Halbzeit 150%, dann packen wir das.“ Lotta muss runter, weil sie nach einem Zusammenprall kaum Luft bekommt. Die hatte bisher viele Tempogegenstöße genutzt und auch über Außen unsere meisten Tore geworfen. Johanne geht ebenfalls am Stock, eine leichte Zerrung im Oberschenkel steht ihrem bisherigen Laufpensum entgegen. Silke beschränkt sich fast nur noch auf Abwehrarbeit, weil ihr ein Finger weh tut. Beide Abwehrcracks sind Kampfschweine und wollen natürlich unbedingt weiterspielen. Eislollys, Tapes, Ermunterungen, Traubenzucker, volles Programm. Geli, Harmi und Karlchen kommen während der Halbzeit in Schweiß. Nur Bruno bleibt cool und schaut Harmi mit treuen Augen an.
Jenne wird für Lotta eingewechselt und geht an den Kreis. Johanne nimmt die Linksaußenposition ein, damit sie sich vorne etwas ausruhen kann. Silke geht nach Rechtsaußen. Auch sie schont ihren Finger für die Abwehrarbeit. Gegners Trainerin weiß, dass beide Spielerinnen auch im Angriff gefährlich sind und lässt sie gut bewachen, was die Abwehr ein wenig auseinanderzieht. Karina wandert vom Kreis in den Rückraum auf die Spielmacherposition. Frieda und Nadine komplettieren die Truppe, die es richten soll.

Auf geht’s, Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Himmel und Hölle. Tor durch Jenne, 7:7, Karina und Frieda treffen auch, 9:8. Dann folgt eine Pechsträhne: Nadine dröhnt einen Wurf an die Latte, das Tor wackelt etwa 15 Sekunden, der Ball fliegt bis weit in unsere Hälfte zurück. Karina versemmelt frei durch neben das Tor. Jenne und Frieda werfen der Torhüterin die Füße kaputt. 9:11. Biene hält währenddessen zwei Strafwürfe und einen Tempogegenstoß, meine Güte, wir könnten längst führen! Stattdessen liegen wir mit zwei Toren zurück. 
Noch fünf Minuten. Jetzt muss was passieren. Harmi überlegt, die technisch starke Lotta wieder einzuwechseln und im Rückraum gegen den körperlich starken und offensiven Deckungsblock spielen zu lassen, um Dampf zu machen. Aber wen auswechseln? Eine der Abwehrspezialisten, die im Angriff nur Statistenrollen spielen? Oder Jenne, die ein gutes Spiel am Kreis macht? Die Entscheidung wird ihm schnell abgenommen. Jenne sperrt sich am Kreis die Füße wund, bekommt ein Sahneanspiel von Karina und wird gefoult. Strafwurf. Den muss Lotta werfen.
„Lotta, geht es wieder?“ Lotta grinst und nickt. Karina steht unmittelbar vor der Auswechselbank. Harmi nimmt sie vom Feld und schickt Lotta drauf. Als der Strafwurf angepfiffen wird, fällt ihm auf, dass er soeben sein Abwehrbollwerk ausgewechselt hat. Lottas Steckenpferd ist eher der Angriff. Das gleicht einem Selbstmordversuch! Aber wir liegen zurück und es muss etwas passieren. 
Anschlusstreffer! Lotta verwandelt den Strafwurf sicher und will wieder runter. So ganz fit scheint sie doch nicht zu sein. Auswechseln darf sie aber nicht, weil nur im Angriff gewechselt werden darf. Also muss sie drauf bleiben. Sie will sich in der Abwehr nach außen mogeln, aber Jenne verteidigt ihre Quadratmeter und schickt sie nach vorne Mitte. Da hat Lotta noch nie gespielt. Ein verzweifelter Blick zur Bank. Harmi sagt ihr, sie solle einfach nur verhindern, dass ihre bärenstarke Gegenspielerin den Ball bekommt. Genau das tut sie und fängt einen Pass ab. Ein paar schnelle Schritte nach vorne, Pass auf Nadine, die mal wieder Weltrekordzeit läuft und ein 100 km/h – Geschoss an der verängstigten Torhüterin vorbei in den Winkel nagelt. 11:11! Das würde reichen, aber es ist noch ein wenig zu spielen. 
Lotta will wieder runter, darf sie aber wieder nicht, weil wir ja nicht mehr im Angriff sind. Also in der Abwehr wieder vorne Mitte. Ihre Gegenspielerin hatte sich im Laufe des Spiels auf Karina eingestellt und war mit Dampf aus dem Parallelstoß gekommen. Karina hatte sie erst bei Ballbesitz angegriffen und versucht, Abspiele zu verhindern. Lotta hingegen fuchtelt vor ihr rum, um zu verhindern, dass sie überhaupt den Ball bekommt. Das behagt ihr gar nicht, sie zieht sich etwas zurück, Lotta folgt und prompt kommt der Ruf von der Tribüne: „Einzelmanndeckung ist verboten.“ Totaler Blödsinn, aber Harmi reagiert sofort, um Ärger zu vermeiden und beordert Lotta etwas zurück, was dazu führt, dass sie haargenau in einen Querpass einer Rückraumspielerin läuft und diesen abfängt. Johanne schreit „Ruhig!“ und Lotta spielt ihr prompt den Ball zu. Frieda, Jenne und Nadine sind schon vorne, aber Johanne bringt wie ein alter Hase Ruhe ins Spiel. 
Mit sicheren Pässen geht es nach vorne. Jetzt nur nicht den Ball verlieren. Lotta verschafft sich einen Überblick und nimmt Karinas Spielmacherposition ein. Unser Gegner will natürlich den Ball erkämpfen und wird noch offensiver. Lotta sieht, dass Jenne ihre Gegenspielerin sperrt, nutzt die Lücke, tanzt eine weitere Gegenspielerin aus und versenkt den Ball im Tor! 12:11! Das reicht jetzt sicher. Aber immer noch über eine Minute zu spielen. Unser Gegner spielt schnelle Mitte und verwirft in Hektik. Wir tragen den Ball nach vorne und treffen durch Frieda. 13:11! Unser Gegner kommt nicht mehr zum Torwurf, Abpfiff, Jubel ohne Grenzen, wir haben es gepackt. Zwölf völlig erschöpfte und glückliche Gestalten tanzen mit Harmi, Karlchen, Geli und Bruno auf der Spielfläche. 
So, jetzt erst mal in die Cafeteria. Alle freuen sich, dass es wieder mit der Landesliga geklappt hat. Harmis Kühlbox mit Hopfenkaltschale findet bei den Vätern reißenden Absatz. Die Kiste, die Karlchen bringt, ist auch schnell vertilgt. Dazu werden die Reste des Kuchenbuffets vernascht. Harmi isst drei Bockwürstchen, weil der Senf so lecker ist. Sabines Vater faselt etwas von Vatertag, Terrasse und gemütlichen Abschluss. Glanz in den Augen der Väter. Schnell die Cafeteria aufgeräumt, ab aufs Fahrrad und schon sitzt die durstige Meute auf Johanns Terrasse. Prost! Gut, dass Harmi Freitag Spätschicht hat…. 
Nicht schlecht, so ein Vatertag