"Uns fehlen ein paar harte Jungs!"
Heute mit Handball-Trainer Martin Schwalb. Der neue HSV-Coach fordert mehr Geduld, Führungsspieler und realistische Ziele: Das Team muß erst einmal stabil werden.
Von ACHIM LEONI
ABENDBLATT: Herr Schwalb, der HSV ist mit großen Erwartungen in diese Saison gestartet und muß sich jetzt in der Bundesliga frühzeitig vom erklärten Ziel Europapokalplatz verabschieden. Was läuft falsch?
SCHWALB: Zunächst darf man eines nicht außer acht lassen: Was hatte der HSV denn an Fixpunkten? Das war die gnadenlose Abwehr. Gegen Bertrand Gille, Torsten Jansen und Thomas Knorr haben sich viele Teams schwergetan. All diese Jungs saßen in den letzten Spielen aber hinter mir - weil sie verletzt waren. Die nötigen Automatismen können gar nicht dasein. Uns fehlen die Führungsspieler. Wenn wir heute gegen Flensburg gewinnen, dann nicht, weil bei uns alles spielerisch rund läuft, sondern nur durch unbändigen Willen. Da müssen wir realistisch sein.
ABENDBLATT: Dem HSV fehlt also die Qualität in der Breite?
SCHWALB: Es fehlt das gemeinsame Bild, daß jeder weiß, was er wann zu tun hat und was der Nebenmann tut. Zum anderen das Selbstvertrauen, nachdem in der Saisonvorbereitung noch alle dachten, man könnte weiß Gott was erreichen. Daran muß hart gearbeitet werden.
ABENDBLATT: Wie bringt man das Selbstvertrauen in die Köpfe zurück? Durch Einzelgespräche?
SCHWALB: Indem man aufhört zu reden! Gesprochen worden ist genug. Natürlich ist es meine Aufgabe, mit den Spielern zu kommunizieren. Bei einem bedarf es eines längeren Gespräches, beim anderen reicht ein aufmunterndes "Auf, Junge, ich bin da!" Das muß man individuell erkennen. Aber meine eigentliche Aufgabe als Trainer ist, den Spielern alles vom Hals zu schaffen und ihnen zu sagen: Das machen wir und nichts anderes, und zwar bis zur Selbstaufgabe. Da gehe ich bis aufs Fleisch. Man braucht ein gemeinsames Ziel, in dem sich jeder wiederfinden kann.
ABENDBLATT: Ist ein gemeinsames Ziel nicht eine Selbstverständlichkeit?
SCHWALB: Es muß vor jedem Spiel definiert werden. Man sollte nicht so blauäugig sein zu glauben, in einer Mannschaft verfolge jeder dasselbe Ziel. Der eine ist am Anfang seiner Karriere, der zweite kämpft um seinen letzten großen Vertrag, der dritte will erst mal ins Team kommen. Große Mannschaften zeichnet es aus, daß all diese Faktoren zurückgestellt und dem gemeinsamen Ziel Meisterschaft untergeordnet werden.
ABENDBLATT: Verstehen wir Sie richtig: Ein Ziel kann heißen, den Ball sicher zum Nebenmann abzuspielen - weil das zuletzt ja nicht klappte -, bis hin zum großen Ziel, dem Titelgewinn?
SCHWALB: Genau. Ich habe jetzt eine Sechs-null-Abwehr als Leitbild gebastelt, in der jeder weiß, was er in welchem Moment zu tun hat. Aber die Umsetzung fordert Zeit. Große Klubs wie Flensburg oder Kiel haben Jahre gebraucht, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt stehen. Eine Spitzenmannschaft hat drei, vier Führungsspieler, der Rest trägt seinen Teil bei. Nehmen Sie Flensburg: Boldsen, Solberg, Lackovic, Lijewski, Jensen - das sind die Leute, die das Spiel tragen, weil sie in der Abwehr die Arbeit machen. Christiansen oder Stryger sind super Spieler, aber der Mittelblock entscheidet das Spiel. Das haben wir einfach nicht.
ABENDBLATT: Weil Ihnen die Typen im Team fehlen?
SCHWALB: Nicht unbedingt. Das hat sich eben nicht entwickelt.
ABENDBLATT: Haben Sie genug Schweine in der Mannschaft?
SCHWALB: Sagen wir es einmal so: Uns fehlen ein paar harte Jungs. Die brauchst du einfach, vor allem für die Abwehr.
ABENDBLATT: Stimmt denn die Hierarchie in der Mannschaft?
SCHWALB: Worüber definiert sich denn ein Führungsspieler?
ABENDBLATT: Über Leistung.
SCHWALB: Eben. Bei uns gibt es sicher einige, die schon Leistung nachgewiesen haben und mehr in der Verantwortung stehen als etwa die jungen Spieler. Guillaume Gille wäre eine klare Führungspersönlichkeit, aber er hat im Moment Probleme mit sich selbst. Wenn ich ihm jetzt sage: "Du bist mein Leader", dann setze ich ihm einen Rucksack auf und werfe ihm einen Backstein hinein, den er mit sich herumschleppen muß. Ist das sinnvoll? Im Moment ist keiner meiner Spieler auf Grund seiner Leistung in der Lage, Führungsansprüche zu stellen. Und weil sie das selbst so sehen, sind sie - leider - intelligent genug, sich zurückzunehmen.
ABENDBLATT: Woher kommt es, daß die Spieler vor allem mit sich selbst beschäftigt sind?
SCHWALB: Sagen wir es doch deutlich: Sie sind individuell gute Spieler. Aber die Mannschaft ist nicht so gut bestückt, daß wir automatisch jedes Spiel gewinnen. Da sind die Ansprüche zu hoch gesteckt worden.
ABENDBLATT: Selbst Bundestrainer Heiner Brand hatte dem HSV den Meistertitel zugetraut.
SCHWALB: Wenn er das macht, solange ich hier Trainer bin, bekommt er zwei Minuten später einen Anruf von mir.
ABENDBLATT: Auch das Umfeld des HSV hat mit eingestimmt.
SCHWALB: Und jetzt sind wir alle an dem Punkt zu sagen: Hätten wir bloß geschwiegen!
ABENDBLATT: Wie stark haben Sie denn den HSV eingeschätzt, als Sie Trainer wurden?
SCHWALB: Ich bin davon ausgegangen, daß die Mannschaft stark genug ist, sich im oberen Mittelfeld der Bundesliga zu etablieren und, wenn alle fit sind, vielleicht um einen Europapokalplatz mitzuspielen.
ABENDBLATT: Aber Ihnen war auch klar, daß dieser Anspruch, gemessen am Selbstverständnis des HSV, zuwenig ist.
SCHWALB: Das ist mir doch egal!
ABENDBLATT: Ihre zwei Vorgänger mußten innerhalb eines halben Jahres deswegen gehen.
SCHWALB: Auch nicht mein Problem. Wenn die Erwartungshaltung der Leistung nicht entsprochen hat, muß auch der Verein daraus lernen. Wir brauchen einfach Zeit. Das habe ich der Vereinsführung klar gesagt.
ABENDBLATT: Bob Hanning, Ihr Vorvorgänger, hat öffentlich davon geträumt, eines Tages auf dem Rathausbalkon zu stehen.
SCHWALB: Ich stand oft auf Rathausbalkonen. Meinen Sie, ich will nicht wieder dorthin? Ich bin nach Hamburg gekommen, weil dieser Verein die Werkzeuge hat, um ganz oben zu stehen. Aber es kann nicht sein, daß wir uns Ziele setzen und daran kaputtgehen. Wir denken an den dritten Schritt, geraten aber beim ersten schon ins Stolpern.
ABENDBLATT: Ist mit Ihrem Personal denn mehr zu erreichen?
SCHWALB: Eine Mannschaft ist ja nie ein feststehendes Objekt. Diese Mannschaft wird so nächste Saison nicht mehr auflaufen.
ABENDBLATT: Was vermissen Sie?
SCHWALB: Mein Eindruck ist, daß die Mannschaft vor allem an Schnelligkeit zulegen muß. Wir spielen zu langsam, gehemmt, die Fehlerquote ist hoch. Meine Aufgabe als Trainer ist, den Spielern diesen Ballast zu nehmen.
ABENDBLATT: Wird es einen radikalen Schnitt geben?
SCHWALB: Wir werden vielleicht das eine oder andere Talent hinzuholen. Grundsätzlich steht jeder Spieler auf dem Prüfstand.
ABENDBLATT: Sie fordern Geduld ein. Wieviel Zeit geben Sie sich selbst, um erfolgreich zu sein?
SCHWALB: Es gibt einen klaren Zeitplan. Im ersten Schritt geht es darum, Stabilität in die Mannschaft zu bekommen, im zweiten, ihr spielerisches und taktisches Potential zu vermitteln. Dann werden wir versuchen, das Team gezielt zu verstärken. In jedem Fall werden wir nicht in Hektik verfallen. Der HSV hat es uns im Fußball vorgemacht, wie es geht.
ABENDBLATT: Orientieren Sie sich an den Fußballern?
SCHWALB: Von den Guten kann man immer lernen. In Wallau habe ich mich mit Jürgen Klopp von Mainz 05 ausgetauscht. Nehmen Sie den FC Bayern München: Die gehen ihren Weg, ob mit oder ohne Ballack.
ABENDBLATT: Wieviel Prozent Leistung sind denn aus den Spielern noch herauszuholen?
SCHWALB: Bei mir haben sich in acht Jahren Trainerkarriere - auch wenn jetzt einige sagen werden: "Jetzt stinkt er wieder vor Eigenlob" - so viele Spieler verbessert. Das wird auch beim HSV passieren.
ABENDBLATT: Haben Sie das Gefühl, die HSV-Spieler investieren alles für den Erfolg?
SCHWALB: Diese Frage stellt man sich als Trainer ständig. Wenn eine Handballmannschaft schlecht spielt, sieht es immer so aus, als würde sie nicht alles geben. Aber ich verspreche Ihnen: Für einen Sieg würden sich meine Spieler drei Finger abhacken lassen. Wer nicht mitzieht, hat so schnell das HSV-Trikot aus, so schnell kann er gar nicht gucken.
ABENDBLATT: Sind Sie bereit, Spieler öffentlich zu kritisieren?
SCHWALB: Ich werde niemals einen Spieler an den Pranger stellen, weil ich dann das Vertrauen aller anderen verlieren würde. Als Trainer muß ich für die Spieler immer nachvollziehbar bleiben. Das ist ein hohes Gut.
ABENDBLATT: Dürfen Spieler Sie öffentlich kritisieren?
SCHWALB: Einmal.
ABENDBLATT: Wie oft darf es der Präsident?
SCHWALB: Öffentlich wird das nicht passieren. Wenn es Kritik gibt, reden wir intern darüber.
ABENDBLATT: Sie haben beim HSV also das Umfeld, das Sie sich als Trainer wünschen.
SCHWALB: Absolut. Hier wird professionell und mit viel Herz gearbeitet. Unserem Präsidenten Andreas Rudolph hat die Niederlage in Nordhorn richtig zugesetzt, das konnte man sehen. Mit solchen Leuten kannst du arbeiten und Erfolg haben.
ABENDBLATT: Ist es nicht schwierig, mit so einem mächtigen Präsidenten wie Herrn Rudolph zu arbeiten, der das Geld gibt und selbst einmal Trainer war?
SCHWALB: Ich glaube, da schätzen Sie Andreas Rudolph falsch ein. Ich habe ihn nicht als Machtmenschen erlebt. Er will nur, daß der HSV Erfolg hat. Und ich glaube, er will auch in zehn Jahren noch dabeisein. Daß er die Arbeit der anderen im Verein kontrolliert und notfalls eingreift, ist sein gutes Recht. Im übrigen vergebe ich mir nichts, wenn ich mir Ratschläge hole, ob von ihm, unserem Sportchef Christian Fitzek oder Geschäftsführer Dierk Schmäschke. Ich lasse mir aber anderseits nicht vorschreiben, ob ein Spieler verpflichtet wird.
ABENDBLATT: Welche Ziele sind in dieser Saison noch realistisch?
SCHWALB: Ich wehre mich gegen solche Festlegungen. Wenn ich jetzt sage, die Mannschaft ist schlecht, wie soll sie dann noch an sich glauben? Und wenn ich in dieser Situation ein Ziel stecke, das sie nicht erreichen kann, geht sie den Weg erst gar nicht mit. Das wäre fatal. Wenn die Mannschaft selbst Ziele formulieren will - in Ordnung. Aber dafür muß sie erst stabil sein.
ABENDBLATT: Haben Sie ein Vorbild als Trainer?
SCHWALB: Nein. Simon Schobel war ein klasse Bundestrainer. Björn Jilsén fand ich sehr interessant, weil er die schwedische Handballphilosophie mit nach Deutschland gebracht hat.
ABENDBLATT: Was zeichnet die aus?
SCHWALB: Alles ist familärer, demokratischer, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Ein Schwede würde dich nie anbrüllen: "Lauf! Du mußt . . .!" Kiels Stefan Lövgren ist ein klassisches Beispiel: Ein freundlicher, integrer Mensch - aber im Spiel läßt er keine Sekunde nach. Den Deutschen fehlt diese Mentalität. Wie lange haben unsere Führungskräfte gebraucht, um zu begreifen, daß Führungsqualität nicht nur bedeutet, die Peitsche zu schwingen! Was uns auch fehlt: Respekt vor dem Gegner. Der ist aber notwendig, weil ich sonst meine Leistung gar nicht anerkennen kann. Nordhorn war am Mittwoch klar besser als wir. Haken dran! Gegen Flensburg haben wir heute nachmittag die nächste Chance.
erschienen am 19. November 2005