"Das geht bum, bum, bum!"
Verlängerung - Das Sportgespräch: Heute Mit Kyung-Shin Yoon zum Saisonstart der HSV-Handballer. Der sechsmalige Torschützenkönig der Bundesliga über seine Rolle in Hamburg und Unterschiede zwischen Koreanern und Deutschen.
Von ACHIM LEONI
ABENDBLATT: Herr Yoon, an diesem Sonnabend beginnt für den HSV in Nordhorn die Bundesligasaison. Verspürt man nach zehn Jahren noch Aufregung?
KYUNG-SHIN YOON: Ja. Vor dem Start war ich immer aufgeregt. Und diese Saison ist eine ganz besondere für mich: ein neuer Verein, neue Mitspieler, neuer Trainer. Für mich beginnt ein neuer, spannender Lebensabschnitt.
ABENDBLATT: Sie sind offenbar bestens integriert. Die Fans wählten Sie nach dem Supercup-Sieg über Kiel am vergangenen Dienstag zum wertvollsten Spieler . . .
YOON: Das ist ja nett! Es braucht natürlich seine Zeit, um sich erst einmal kennenzulernen, zumal für mich, der ich nicht aus Europa komme. Was das Zusammenspiel angeht, kommt mir sicher meine Erfahrung zugute. Dass es beim Supercup so gut geklappt hat, hat mich selbst überrascht. Der Zusammenhalt hat mir gefallen, die Körpersprache war selbstbewusst, wie bei einer richtigen Profimannschaft.
ABENDBLATT: Wie schwer fiel Ihnen die Umstellung nach zehn Jahren in Gummersbach?
YOON: Sportlich war es keine große Umstellung. Meine Konzentration ist noch stärker gefordert, weil alles neu ist. In der Mannschaft ist meine Rolle eine etwas andere als in Gummersbach, wo ich vor allem fürs Torewerfen zuständig war. In Hamburg haben wir viele gute Spieler, deshalb kommt es mehr aufs Zusammenspiel an. Und ich werde mehr Pausen bekommen, was gut für die Konzentration ist.
ABENDBLATT: Sie waren sechsmal Torschützenkönig der Bundesliga. Werden Sie künftig weniger Würfe nehmen als bisher?
YOON: Ja, klar. Ich habe meinen Stil schon im vergangenen Jahr in Gummersbach geändert und mehr Wert aufs Zusammenspiel gelegt. In Hamburg sind wir noch besser besetzt, wir haben auf fast jeder Position einen Nationalspieler. Das macht es einfacher.
ABENDBLATT: Entspricht das, was Sie beim HSV angetroffen haben, Ihren Erwartungen?
YOON: Ich hatte die Mannschaft beim Final Four beobachtet, da hat sie mir sehr gut gefallen. In der Liga ist der HSV ja nur Achter oder Neunter geworden . . .
ABENDBLATT: . . . Zehnter, um genau zu sein . . .
YOON: Zehnter?! Na gut, da war sicher auch viel Pech dabei. Was wir diese Saison erreichen können, ist schwer zu sagen. Die fünf neuen Spieler zu integrieren wird ein paar Monate dauern.
ABENDBLATT: In Gummersbach hätten Sie erstmals in der Champions League spielen können.
YOON: Tja, das ist wirklich schade. Dafür habe ich mit dem HSV schon meinen ersten Titel geholt. Einen kleinen zwar, den Supercup, aber immerhin. Und der Europacup der Pokalsieger ist auch ein großes Ziel.
ABENDBLATT: Der VfL stand zwischenzeitlich vor dem Aus, Sie sind ihm über all die Jahre treu geblieben, obwohl Sie lukrative Angebote hatten. Warum?
YOON: Vielleicht ist das meine Mentalität. Ich habe mich einmal für diese Mannschaft, für diesen Verein entschieden, da will ich nicht bei der erstbesten Gelegenheit wechseln. Mein Herz hing an Gummersbach. Eigentlich wollte ich meine Karriere dort beenden.
ABENDBLATT: Dann haben Sie Ihre Pläne geändert. Warum?
YOON: Um es klar zu sagen: Es ging nicht ums Geld, auch nicht um meine Familie oder meinen Bruder. Als ich das gelesen habe, bekam ich einen dicken Hals.
ABENDBLATT: Es heißt, Sie seien enttäuscht gewesen, weil Ihnen der Verein, dem Sie mit Ihren Toren das Überleben gesichert hatten, das Gehalt kürzen wollte . . .
YOON: Ich war traurig und stocksauer. Ich konnte es nicht glauben, dass man mich, nachdem ich zehn Jahre alles für den Verein gegeben hatte, schlechtmachen wollte. Als ich eine halbe Stunde nach dem ersten Gespräch nach Hause kam, konnte ich im Internet lesen: "Yoon verlässt Gummersbach." Da war die Sache für mich erledigt. Mein Herz war zu.
ABENDBLATT: Was hat den Ausschlag für Hamburg gegeben?
YOON: Erst einmal hat der HSV eine Supermannschaft. Ich kenne Schwalbe (Trainer Martin Schwalb - die Red.) noch aus der Zeit, als er für Wallau spielte. Er hat mir die Ziele erläutert, ich habe Präsident Andreas Rudolph und Sportchef Christian Fitzek kennengelernt. All das hat mir gut gefallen. Nebenbei ist Hamburg eine schöne Stadt, nicht so klein wie Gummersbach. Meine Frau und ich kommen aus Seoul, wir mögen die Großstadt und die Nähe zum Wasser.
ABENDBLATT: Was mussten Sie, neben der Sprache, lernen, als Sie nach Deutschland kamen?
YOON: Vor allem musste ich körperlich zulegen. Ich wog damals 95 Kilogramm bei 2,04 Meter, da fehlte die Power. Das Spiel ist viel körperlicher als in Korea. Deshalb habe ich viel Kraft- und Fitnesstraining gemacht. Heute wiege ich zehn Kilo mehr. Was ich anfangs gar nicht verstanden habe, war, wie schnell die Leute sauer und aggressiv geworden sind. Auch ich will jedes Spiel gewinnen. Aber wenn ich Fehler mache, will ich erst mal nachdenken, was ich verbessern kann.
ABENDBLATT: Wie hat sich die Liga in den zehn Jahren entwickelt?
YOON: Der Zuschauerzuspruch ist viel größer geworden. In Gummersbach spielten wir anfangs nur in der Eugen-Haas-Halle vor 2000 Zuschauern. Später hatten wir in der Kölnarena fast 20 000. Was das Spiel betrifft, ist es viel schneller geworden. Vor zehn Jahren war die Power entscheidend, heute ist alles drin: Kraft, Technik und Schnelligkeit.
ABENDBLATT: Die Zuschauer kommen bei der Torflut manchmal kaum noch mit. Wie gefällt Ihnen die Entwicklung?
YOON: Die Fans haben sicher ihren Spaß. Für uns ist es schwierig, weil wir irrsinnig viel rennen müssen. Das gefällt mir nicht so. Früher reichte es, sieben gute Spieler zu haben. Heute brauchst du zwölf, die du ein- und auswechselst wie beim Eishockey, weil man das Tempo sonst nicht durchhält. Das geht bum, bum, bum! Dadurch ist gerade für Nationalspieler, die viele Einsätze haben, das Verletzungsrisiko gestiegen.
ABENDBLATT: Werden Sie in Korea oder in Deutschland häufiger auf der Straße erkannt?
YOON: In Korea. Schon deshalb, weil Handballer dort in der Regel klein sind. Allerdings meistens von Männern, die Frauen interessieren sich nicht so für Handball. Die Popularität der Sportart ist nicht mit Deutschland vergleichbar. Vollprofis gibt es nicht, mehr als zwei-, dreitausend Euro sind nicht zu verdienen.
ABENDBLATT: Werden Sie mit der Nationalmannschaft an der WM 2007 in Deutschland teilnehmen?
YOON: Ich glaube schon. Ich habe darüber gerade mit unserem Nationaltrainer Park gesprochen. Er will mich aber bei den Asienspielen Anfang Dezember in Doha dabeihaben. Ich würde gern mithelfen, aber da stehen für den HSV diverse Liga- und Europapokalspiele an. Das hat Vorrang.
ABENDBLATT: Haben die Asienspiele in Südkorea einen höheren Stellenwert als die WM?
YOON: Bei den jüngeren Spielern auf jeden Fall. Wenn wir Gold holen, bekommt jeder eine monatliche Rente von etwa 400 Euro. Hinzu kommt, dass das Turnier nur alle vier Jahre stattfindet. Viermal habe ich schon Gold gewonnen, das würde ich gern ein fünftes Mal schaffen. Bei der WM sind wir dagegen nur Außenseiter und haben eine schwere Vorrundengruppe mit Kroatien, Russland und Marokko.
ABENDBLATT: Planen Sie Ihre Zukunft langfristig in Korea?
YOON: Nach meiner Handballkarriere will ich gern dorthin zurück, um mir eine zweite berufliche Laufbahn aufzubauen - vielleicht als Trainer oder Lehrer, genau weiß ich das nicht. Mit dem Kopf bin ich immer noch Koreaner.
ABENDBLATT: Was gefällt Ihnen in Deutschland?
YOON: Die Freundlichkeit. Als ich anfangs noch wenig verstanden habe, haben mir viele Menschen geholfen. Und natürlich dass man hier vom Handball leben kann. Vor so vielen Fans zu spielen, das wird mir in Korea sicher fehlen. Was mir auch gefällt: dass Deutschland so international ist. In Korea gibt es kaum Ausländer.
ABENDBLATT: Haben Sie jemals Ausländerfeindlichkeit verspürt?
YOON: Anfangs kam es vor, dass ich schnell niedergemacht wurde, wenn ich nicht gut gespielt habe. Zum Glück habe ich damals nicht so viel verstanden . . .
erschienen am 26. August 2006