Verlängerung Das Sportgespräch mit Peter Krebs (HSV Hamburg)
"Handball hat historische Chance"
Von RAINER GRÜNBERG
Peter Krebs (49) ist seit dem 1. Oktober Geschäftsführer der HSV Handball Betriebsgesellschaft mbH. Der gelernte Industriekaufmann und Diplom-Journalist arbeitete zuvor als stellvertretender Chefredakteur beim DSF.
ABENDBLATT: Herr Krebs, Sie sind seit drei Wochen Geschäftsführer der HSV Handball Betriebsgesellschaft mbH. Damit haben Sie statistisch gesehen knapp ein Zehntel Ihrer Amtszeit hinter sich.
PETER KREBS: Wie bitte?
ABENDBLATT: Ihr Klub hat in vier Jahren fünf Geschäftsführer verschlissen. Wie fällt Ihre Bestandsaufnahme aus?
KREBS: Die entscheidende Frage, die letztlich die Triebfeder meiner Tätigkeit ist, ist das Sportliche. Und da denke ich, dass wir eine gute Mannschaft haben, die auf dem besten Weg ist, sich unter den besten fünf, sechs der Bundesliga zu etablieren. Aber eine Meistermannschaft, das haben die Heimniederlage gegen Kiel (30:38) und die Pleite in Magdeburg (20:31) gezeigt, sind wir noch nicht. Wer anderes glaubt, irrt. Das kann für die nächsten Jahre nur heißen: Wir müssen uns gezielt verstärken.
ABENDBLATT: Unser Eindruck ist, der Mannschaft fehlt Führung.
KREBS: Ich denke, wir sind im Tor sehr gut aufgestellt, erst recht wenn Johannes Bitter aus Magdeburg uns nächste Saison verstärkt. Wir haben eine gute Deckung, auch wenn mir als ehemaligem Abwehrspezialisten manchmal eine Spur Aggressivität fehlt. Aber die Angriffsleistung ist im Moment nicht ausreichend. Viele Spieler suchen noch ihre Rolle. Der Kern des Problems liegt in der Rückraummitte, wo unser Weltmeister momentan nicht das zeigt, was wir uns von ihm erhoffen . . .
ABENDBLATT: . . . Sie spielen auf Guillaume Gille an, der mit Frankreich Welt- und Europameister war. Dieses Problem besteht seit eineinhalb Jahren . . .
KREBS: Es ist immer schwierig, eine Mannschaft zu führen, wenn man selbst nicht ausreichend torgefährlich ist. Wenn die gegnerische Abwehr nicht herauskommen muss, um den Wurf zu verhindern, fehlen die weiteren taktischen Optionen. Das macht es auch für die anderen Rückraum- und Kreisspieler schwer.
ABENDBLATT: War die Einkaufspolitik des HSV vor der Saison also falsch, weil das Kernproblem nicht angegangen wurde?
KREBS: Dieses Fazit wäre zu simpel. Zumal Guillaume Gille ja ein international erfolgreicher Mann ist, der in der Nationalmannschaft auch zuletzt gute Leistungen gebracht hat. Das Potenzial scheint da zu sein, nur ruft er es für den Verein zu selten ab. Aber es ist richtig: Wir müssen auf der Position auf jeden Fall handeln.
ABENDBLATT: Eine Vertragsverlängerung mit Guillaume Gille (30), wie einstmals angestrebt, steht demzufolge nicht zur Debatte?
KREBS: Sein Vertrag gilt bis 2008 plus Option bis 2009, das ist eine angemessene Laufzeit . . .
ABENDBLATT: . . . so lange lief auch der Vertrag von Pascal Hens (26), bevor Sie ihn kürzlich bis 2011 verlängerten.
KREBS: Da sehe ich einen Unterschied - nicht nur wegen des Alters. Pascal ist eine Säule, die wir brauchen, wenn wir eine Institution in der Stadt werden wollen: Er ist deutscher Nationalspieler, davon gibt es nicht so viele, hat einen hohen Wiedererkennungswert und viel Leistungspotenzial, das er allerdings auch noch nicht oft genug entfaltet. Mit dem Vertrag nehmen wir ihn auch bewusst in die Pflicht. Und Guillaume Gille bleibt auch noch genügend Zeit, noch einmal zu kommen wie eine Schubrakete und uns alle positiv zu überraschen.
ABENDBLATT: Sehen Sie eine Möglichkeit, kurzfristig auf der Problemposition zu reagieren?
KREBS: Ich halte nichts davon, in Panik zu verfallen, nur weil wir in Magdeburg verloren haben. Wenn wir aber in solchen Spitzenspielen wiederholt feststellen, dass mit bestimmten Spielern nicht zu rechnen ist, werden wir die Konsequenzen ziehen. Solche Spieler können wir uns nicht erlauben, wollen wir irgendwann die Meisterschale nach Hamburg holen. Wir spielen in einer tollen Stadt, in einer grandiosen Halle, die Gehälter werden dank unseres Präsidenten und weiterer Sponsoren regelmäßig überwiesen, was auch nicht Standard in der Liga ist, das Gehaltsniveau ist gut, dafür muss eine adäquate Gegenleistung kommen.
ABENDBLATT: Vielleicht geht es der Mannschaft zu gut. Der HSV hatte sportlich eine seiner stärksten Phasen, als der Klub 2004 im Finanzchaos versank.
KREBS: Moment mal, wir waren eben noch Tabellenführer der Bundesliga. Aber wenn wir feststellen sollten, dass wir in den Verwöhnbereich abgleiten, müssen wir über geringere Grundlöhne und vermehrte Siegprämien nachdenken. Und jeder Spieler mit Motivationsproblemen und mangelnder Arbeitsmoral hat bei uns nichts zu suchen.
ABENDBLATT: Eine Problemzone bleibt die Auslastung der Color-Line-Arena. Die liegt bei 50,3 Prozent. Der HSV ist Pokal- und Supercupsieger. Sportlicher Erfolg allein scheint nicht zu reichen.
KREBS: Er ist sicher kein Selbstläufer, aber ohne Erfolg geht es auch nicht. Genauso wichtig sind Werbung und Marketingmaßnahmen, um Handball zu einem Thema in der Stadt zu machen.
ABENDBLATT: Wo sehen Sie für sich den größten Handlungsbedarf?
KREBS: Die vordringliche Aufgabe ist es, den HSV finanziell weniger vom Präsidenten abhängig zu machen. Das täte Andreas Rudolph gut, der eine Menge Geld investiert (rund zwei Millionen Euro, die Red.),und dem Verein ebenso.
ABENDBLATT: Wie viel Entlastung lässt der Präsident zu? Unser Eindruck ist, dass Herr Rudolph an seiner Rolle Gefallen findet und ungern zum Nebensponsor degradiert werden würde.
KREBS: Das wird konkret zu überprüfen sein, wenn wir einen Vertrag mit einem großen Sponsor unterzeichnen wollen. Ich bin sicher, dass Andreas Rudolph das zum Wohl des Vereins befürworten würde. Fest steht aber auch: Andreas ist in naher und mittlerer Zukunft unverzichtbar; sowohl als Geld-, aber auch als Ideengeber. Zumal wir nicht nur in das Team, sondern auch in die Strukturen investieren wollen.
ABENDBLATT: Welche Maßnahmen schweben Ihnen vor?
KREBS: Mir ist das Grundrauschen in der Stadt nicht groß genug. Handball ist noch kein Thema, über das man zwangsläufig stolpert. Hierfür bedarf es weiterer Werbe- und Marketingmaßnahmen. Wir erstellen gerade neue Verkaufsfolder, um Sponsoren für die nächste Saison anzusprechen, parallel entsteht ein neuer Werbefilm. Motto: Hanseatisch - Sympathisch - Verrückt. Wir müssen viele Klinken putzen, um unseren Silberclub mit Leben, sprich Sponsoren zu füllen. Wir wollen in der Color-Line-Arena im Restaurant On Stage eine interessante Plattform für den Mittelstand schaffen.
ABENDBLATT: Woher soll das Geld kommen, das Sie in neue Strukturen stecken wollen?
KREBS: Da bedarf es einiger Überzeugungsarbeit im Verein. Aktuell sind im Etat dafür keine Mittel eingeplant. Umso mehr wollen wir unsere Partner und Sponsoren für Werbeaktionen gewinnen.
ABENDBLATT: Wie groß war für Sie die Umstellung von der DSF-Chefredaktion in die Geschäftsführung des HSV?
KREBS: Dieser Job ist viel emotionaler. Man steht alle drei, vier Tage auf dem Prüfstand, jedes Spiel eröffnet neue Aufgabengebiete. Ich habe beim Fernsehen in den letzten 15 Jahren viele Spiele eher aus neutraler Sicht beobachtet. Jetzt ist wieder das Adrenalin da. Das macht schon großen Spaß.
ABENDBLATT: Beim Sender Hamburg 1 war eine HSV-Handball-Sendung im Gespräch, wie es sie für die Freezers gibt. Was halten Sie als Fernsehmann davon?
KREBS: Darüber werden wir reden. Neben der Finanzierung und der Lizenzrechtefrage stellt sich die inhaltliche Frage. Ich fürchte, Sie erreichen mit einem solchen monothematischen Format nur den engeren Fanzirkel. Auch von einem überregionalen Handball-Bundesliga-Magazin halte ich nichts. Wenn Sie Zusammenfassungen von fünf Spielen sehen, brauchen Sie hinterher eine Aspirin plus, dafür ist das Spiel einfach zu schnell. Ein Bericht in einer allgemeinen Sportsendung kann viel wertvoller sein.
ABENDBLATT: Der HSV-Etat liegt bei 5,2 Millionen Euro. Wie viel davon brauchen Sie für Ihr Konzept?
KREBS: Ein halbes Milliönchen wäre für diverse Marketing- und Werbemaßnahmen hilfreich.
ABENDBLATT: Wären darin auch Personalkosten enthalten?
KREBS: Wenn Sie damit auf die Personalie Thorsten Storm (Geschäftsführer der SG Flensburg-Handewitt, die Red.)anspielen: Wenn ich irgendwann die Erkenntnis gewinne, dass wir im Bereich Sponsorenakquise Verstärkung brauchen, werde ich gegenüber dem Präsidenten von meinem Vorschlagsrecht Gebrauch machen. Und da wäre Storm als Ligaexperte und Verkaufsprofi sicher eine Verstärkung.
ABENDBLATT: Hilfreich ist sicher auch, dass ARD/ZDF den Handball neu zu entdecken scheinen.
KREBS: Ich war erfreut zu hören, dass die "Sportschau" ihren Vertrag mit Leben füllen will - und die Rechte nicht wie bisher ins Regal stellt und bei Bedarf einmal rausholt. Die neuen Verträge geben uns die historische Chance, uns von allen anderen Mannschafts-Sportarten außer Fußball abzusetzen. Die Fernsehsituation war noch nie so gut. Dienstags läuft die Bundesliga live im DSF, donnerstags die Champions League auf Eurosport, und sonntags entdeckt die ARD-"Sportschau" ihre Liebe zum Handball wieder. Das hilft uns auch bei der Gestaltung des bisher unübersichtlichen Spielplans. Wenn ich sicher einplanen kann, dass unsere Bundesliga-Heimspiele am Wochenende sind, kann ich gezielter Dauerkarten-Interessenten und Familien ansprechen.
ABENDBLATT: Ist der moderne Tempo-Handball überhaupt noch eine attraktive Fernsehsportart?
KREBS: Er ist für den Hallen- wie den Fernsehzuschauer eine Topsportart. Aber viel schneller darf die Sportart nicht mehr werden. Extreme Zeitlupen wie früher sind heute im TV gar nicht mehr möglich, weil in der Zwischenzeit zwei Tore gefallen sind.
ABENDBLATT: Der HSV Hamburg versucht sich seit vier Jahren in der Stadt zu etablieren - mit mäßigem Erfolg. Wie viel Zeit geben Sie sich noch?
KREBS: Unsere Visionen haben wir bis 2011 formuliert. Ich denke aber, dass schon vorher ein großer Titel gewonnen werden sollte, um den Aufwand zu rechtfertigen.
ABENDBLATT: Wie lässt sich die Show am Spieltag verbessern?
KREBS: Vieles, was man verändern würde, wäre eine Verbesserung. Ob das die Musik ist oder der Einlauf der Mannschaften. Da wartet viel Arbeit auf uns.
ABENDBLATT: Müsste die Bundesliga womöglich verkleinert werden, um attraktiver zu werden?
KREBS: Auch wenn mich die Play-off-Runde in meiner letzten aktiven Saison 1990 den vierten Meistertitel gekostet hat: Ich bin ein Verfechter davon. Der erste Schritt wäre zu prüfen, ob 18 Bundesligaklubs nicht zu viel sind - gerade mit Rücksicht auf die Belastung der Nationalspieler. Die kleinen Vereine werden aufschreien, aber es gibt zu viele unattraktive Spiele, die einfach nicht fernsehtauglich sind und auch die großen Hallen nicht füllen.
erschienen am 21. Oktober 2006