Mein persönlicher Rückblick auf 29 Jahre Dormagener Handball:
F) Die 2010er Jahre, Teil 1 – Alles falsch gemacht
2010/11
1. Bundesliga 16. Platz, Zwangsabstieg in die 2.Bundesliga wegen Insolvenz
Schon im Vorfeld dieser neuen Saison stand der Sport wieder im Schatten der Wirtschaftlichkeit:
im August 2010 berichteten die Medien über die Insolvenz der HR Commitment, einem der Hauptsponsoren des DHC Rheinland, auf dem eine bessere Zukunft fußen sollte. Gerüchte, dass diese Firma nie an den Start gehen sollte und nur ein Platzhalter für den in aller Eile aufgestellten Etat zur Beantragung der Lizenz gewesen sein sollte. Die 350.000 Euro wollte das Team um den neuen starken Mann Heinz Lieven „irgendwie“ auftreiben. Bis zum 9. Spieltag Ende Oktober hieß das Sportcenter trotzdem „HR-Commitment Arena“, bis zum Ende der Saison prangte der HR-C-Schriftzug auf den Trikots.
Doch die Sponsoren, insbesondere die größeren im Chemiepark Dormagen, zeigten dem neuen Handballmodell in Dormagen genauso die kalte Schulter, wie auch andere überregionale Firmen. Sicher lag es auch an der Art, mit der Bestandssponsoren „verwaltet“ wurden und Neusponsoren durch Standardbriefe angeschrieben wurden.
Auch andere Freunde und Förderer des TSV wurden durch die neue DHC-Führung verprellt, unter anderen dadurch, dass sie für Ihre Dauerkarten bezahlen sollten. So wandten sich nicht nur viele langjährige Förderer ab, der DHC startete auch mit nicht allzuguter Mundpropaganda.
Die Umbauarbeiten vom TSV (Bayer) Dormagen hin zum DHC Rheinland sahen vor, dass der ehemalige Hallensprecher neuer Geschäftsführer der GmbH wurde und die Geschäftsstelle mit 3 Personen besetzt wurde – auch die Auswahl dieser Personen stieß auf wenig Gegenliebe bei Fans und Zuschauern.
Sportlich musste der DHC erneut umgebaut werden und verlor an Qualität. Die ersten drei Saisonspiele, alles Heimspiele gingen allesamt verloren, hoch und die Entscheidungen fielen früh. Die Auswärtssiege in Melsungen und Friesenheim waren die einzigen positiver Ausrutscher nach oben. Alle anderen Spiele der Hinserie verlor der DHC und war folglich, ohne Heimsieg!- zur Saisonhalbzeit abgeschlagen letzter.
Während der DHC sportlich vor sich hin dümpelte – Max Holst und Kentin Mahé aus der eigenen Jugend hervorgegangen, waren die wenigen Lichtblicke, hegte der DHC-Vorsitzende weiter große Pläne. Zum Heimspiel gegen Gummersbach am 23.Oktober wurde der beliebte Zuschauertreff kurzerhand in einen VIP-Raum umgewandelt (und blieb es auch!) um japanische Delegationen aus der japanischen Handballliga und Geschäftsunternehmern ein entsprechendes Ambiente bieten zu können. Vollmundig wurden Kooperationen verkündet, die dem DHC Spieler bringen sollten und Zuschauer – sogar das Hallenheft sollte zweisprachig erscheinen. Dazu mehrere Sponsoren aus der japanischen Wirtschaft. In einem der wenigen wirklich begeisternden Spiel gewann Gummersbach 38:33 gegen den DHC.
Die Realität sah anders aus: um Kosten zu sparen wurde bereits im Oktober der DHC umstrukturiert, der Geschäftsführer stellte seinen Posten zu Verfügung und nahm seinen alten Job bei seinem alten Arbeitgeber wieder an.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag, dem ersten Rückrundenspieltag, 26.12.2010 gelang dem TSV endlich der erste Heimsieg der Saison. Als Aufbaugegner stellte sich wie schon im Februar Nettelstedt zu Verfügung. 25:24 endete das Spiel und das Spieljahr 2010. Noch war Hoffen in Dormagen, doch schon vor dem nächsten Heimspiel gegen Melsungen Anfang Februar war in Dormagen nichts mehr so, wie es war:
Am 08.Februar 2011 meldete der DHC offiziell Insolvenz an – nachdem kurz zuvor noch zwei neue Spieler verpflichtet wurden, die dem DHC helfen sollten, sportlich die Klasse zu halten. Angeblich hatte die Insolvenz von HR-Commitment ein Loch in die Kasse beim DHC gerissen, das nicht gestopft werden konnte.
Viele hielten nicht nur den Schritt für übereilt –die Entscheidung wurde einsam vom Geschäftsführer gefällt- sondern es zeigte sich im Nachgang, dass der Antrag falsch gestellt war. Der DHC war noch nicht insolvent und hätte deshalb einen Antrag auf drohende Insolvenz stellen müssen. Da der Dormagener Torwarttrainer Andreas Thiel der Rechtsbeirat des DHB ist, hätte man nur mal bei ihm nachfragen müssen, wie sich ein Insolvenzantrag und die Lizenzbestimmungen bei der HBL vertragen. So stand der DHC als erster Absteiger fest – bei drohender Insolvenz wäre man nicht Zwangsabgestiegen.
Da der Antrag noch innerhalb der Wechselfrist kam, sollte sich das Bild der Mannschaft erneut radikal verändern. Eine schöne Geste der Solidarität und sportlichen Anerkennung vor dem Dormagener Handball leistete Füchse Berlin Manager Bob Hanning, der Fabian Böhm nach Dormagen schickte, das Gehalt übernahm und Böhm dafür Einsatzzeit bekommen sollte.
Dormagen kämpfte nun an allen Fronten um den Erhalt des Dormagener Handballs. Auf der einen Seite fehlten 200.000 Euro, auf der anderen Seite kämpfte die Mannschaft für sich und um Werbung für den Standort Dormagen zu machen: von den folgenden 7 Heimspielen wurden –in teilweise endlich wieder begeisterter Atmosphäre und immer vor über 2000 Zuschauern- insgesamt 5 gewonnen!
Um die 200.000 Euro aufzutreiben, die nötig waren, um die Saison durchzuspielen, wurden verschiedene Spendeninitiativen ins Leben gerufen, auch eine Rettungsparty veranstaltet – am Ende gelang die Rettung, nicht aber die insgesamt wirtschaftliche Gesundung. Nicht ein potenter Sponsor konnte gefunden werden, trotz bundesweiter Berichterstattung. Und die im Hallenheft zum Spiel gegen Friesenheim angekündigte „Gedenktafel“ im Sportcenter wurde auch nie angebracht…
Im Heimspiel gegen die HSG Ahlen-Hamm am 13.Mai 2011 ereignete sich etwas, was im Handball Seltenheitswert besitzt: in der 27. Minute erzielte Mario Clößner ein Eigentor! Einem mißglückten Dormagener Anspiel an den Kreis konnte Clößner nicht mehr ausweichen, er fiel mit dem Ball in der hand in den eigenen Strafraum, lies dabei den Ball Richtung Tor fallen – und der Ball war drin!
Mitte Mai wurde der DHC endlich für das Engagement von Mannschaft, Sponsoren, Zuschauern und Fans belohnt: der DHC war entschuldet und wurde aus der Insolvenz entlassen und bekam im Gang vor das Sportgericht doch noch die Lizenz für die zweite Bundesliga erteilt – mit Abzug von 8 Pluspunkten.
So hatten alle am 27.Mai 2011 im letzten Bundesligaspiel eines Dormagener Handball-Bundesligisten noch einmal Grund zu feiern: 2500 Zuschauer feierten sich selbst und ihre Spieler, die wie entfesselt gegen den SC Magdeburg auftraten und den ersten Bundesligaheimsieg gegen Magdeburg feierten. Beim 32:27 Sieg des DHC stimmte einfach alles.
Mit dem 490. Bundesligaspiel der Dormagener ging noch eine Ära zu Ende: nach 10 Jahren sagte Kai Wandschneider „Tschüß“. Geliebt, umstritten – aber gemessen an den Möglichkeiten sehr erfolgreich war Wandschneider –verständlich nach den Turbulenzen der letzten Jahre- ausgebrannt.
Der DHC des Jahres 2011 hatte in allen Bereichen neu anzufangen – er machte nichts besser.