Das Ende einer meisterlichen Ära
Trainer Ratka hinterlässt eine Riesenlücke. 200 000 neue Gönner-Euros für HSG, doch Trikotsponsor fehlt.
Gesichter erzählen Geschichten. So auch gestern zur Mittagsstunde im Brauhaus Frankenheim an der Wielandstraße. HSG-Trainer Richard Ratka ließ seine leicht traurig wirkenden Augen immer wieder gedankenverloren schweifen, schien nicht komplett bei der Sache zu sein. Die Augenringe bei Manager Frank Flatten verrieten mindestens eine unruhige Nacht. Ratka hatte da den schwersten Gang in 18 Jahren beim Handball-Bundesligisten HSG schon hinter sich. Am Montagabend trat der 40-Jährige zum Trainingsbeginn vor seine Mannschaft, informierte sie über seinen Wechsel zum Rekordmeister VfL Gummersbach, wo er einen Zweijahresvertrag unterschrieben hatte (die NRZ berichtete). Flattens schwerste Aufgabe wird wohl sein, einen geeigneten Nachfolger für die Düsseldorfer Handball-Ikone zu finden.
Die Spieler des Zweitliga-Süd-Meisters reagierten geschockt. Ebenso Assistent Ronny Rogawska, der seinem Chef nicht ins Oberbergische Land folgen wird. Ein Teil des Teams hatte seine Vertragsverlängerung gedanklich an die Personalie Ratka geknüpft, welcher der Mannschaft sein Bleiben zugesagt hatte. Doch der Treueschwur, den Spieler und Trainer während der Saison leisteten und auf 30 Prozent ihrer Gehälter verzichteten, ist nun gebrochen. Zur Überraschung aller.
Die Frage nach den Gründen, jetzt, wo Ratka auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Cheftrainer und dem so hart erkämpften Bundesliga-Aufstieg den Verein verlässt, gestaltet sich als vielschichtig. "Ich habe mein persönliches Ziel zwar erreicht. Es mangelt jedoch an einer sportlichen Perspektive, die zum jetzigen Zeitpunkt in Düsseldorf langfristig nicht gegeben ist." Heißt übersetzt: Eine sichere Finanzierung des nicht gerade billigen Unternehmens Handball-Bundesliga muss alljährlich ähnlich der Stecknadelsuche neu und hart erstritten werden.
Ausbleibende Sponsoren verhindern die Verpflichtung neuer Spieler. Der mit 14 Mann ohnehin zu kleine Kader "schreit" auf der Linksaußen- und Kreisläuferposition nach Handlungsbedarf, um den Erstliga-Ansprüchen gerecht zu werden. Schließlich nimmt die Eliteklasse gern das Gütesiegel für sich in Anspruch, keinen ernsthaften Konkurrenten im europäischen Ausland und darüber hinaus zu besitzen.
Zwar konnte Manager Frank Flatten binnen der zurückliegenden zwei Wochen dank der deutlich erhöhten Engagements von Air Berlin, dem Deutschen Herold und weiterer Partner 200 000 zusätzliche Euro verbuchen. Die allein decken jedoch "nur" sämtliche Verbindlichkeiten für die kommende Saison. Auch wenn der Etat mittlerweile bei etwas über einer Million Euro pendelt, fehlt derzeit das Geld für weitere Spieler. Ein neuer Trikot-sponsor könnte sofort Abhilfe schaffen.
Aus "Respekt vor der herausragenden Arbeit" verzichtete Flatten darauf, Ratka bei seinem Wechsel Stolpersteine in den Weg zu legen und kündigte bedingungslos den noch bis zum Juli 2005 datierten Vertrag. Wohl wissend, dass Gummersbach mit Ratka ausgerechnet im ersten Punktspiel am 11. September bei der HSG antreten wird.
Nach einem neuen Coach wird derzeit natürlich fieberhaft gefahndet. Als heißer Kandidat gilt Ratkas ehemaliger Teamkollege zu Turu-Zeiten, Walter Schubert, 41-jähriger Trainer beim Nord-Zweitligisten TuS Spenge.
Quelle: NRZ
Datum: 17.06.200