Ein Jurasik-Interview aus dem Forum der Baden-Lions bzw. der heutigen Rhein-Neckar-Zeitung.
Odenheim. Es ist ruhig, mucksmäuschenstill. Nur selten fährt ein Auto vorbei. Hektik ist in Odenheim ein Fremdwort. Ein perfekter Ort um Kraft zu tanken. Mariusz Jurasik, die begnadete Rückraum-Rakete der Rhein-Neckar Löwen, weiß das nur zu gut: Vor rund sechs Jahren als er zu den Gelbhemden wechselte, suchte sich der Linkshänder dort ganz bewusst seine heimischen vier Wände. Und selbst die Hausnummer passt: Die Nummer 13 der Gelbhemden wohnt in Haus 13. Von wo aus er schon unzählige Male in Richtung Mannheimer SAP Arena aufgebrochen ist. Am Samstag war es nun das letzte Mal.
So richtig realisiert hat er das allerdings noch nicht. Die Ablenkung war groß. Ein paar Bekannte besuchten ihn am Wochenende. Darunter auch Gregor Luley, den er schon in seiner Kronauer Premierensaison kennen gelernt hatte. Sein Landsmann fungierte als Dolmetscher, begleitete ihn auf Schritt und Tritt: Erklärte, übersetzte, passte auf. Mittlerweile sind beide dicke Kumpels. Am Samstag nahmen sich beide Zeit für ein RNZ-Interview.
Mariusz Jurasik, Sie haben eine halbe Ewigkeit bei den Löwen gespielt, war es eine schöne Zeit?
Ich war sechs Jahre hier und habe mich immer wohl gefühlt. Das habe ich damals als wir abgestiegen sind ja auch gezeigt: Trotz zahlreicher Angebote aus der 1. Liga bin ich geblieben, habe meinen Beitrag zum Wiederaufstieg geleistet.
Was war für Sie persönlich der schönste Erfolg in ihrer Zeit bei den Löwen?
Der Wiederaufstieg und natürlich der diesjährige Einzug ins Halbfinale der Champions League. Außerdem wurde ich mit Polen 2007 Vize-Weltmeister und dieses Jahr Dritter bei der WM in Kroatien. Aber es gab natürlich auch Tiefpunkte.
Und die wären?
Vor allem unser Abstieg: Das Relegations-Hinspiel gegen Schwerin haben wir mit neun Toren gewonnen, was letztlich trotzdem nicht gereicht hat. Ganz bitter war auch die 25:26-Niederlage mit der SG Kronau/Östringen beim Final Four 2006 gegen Hamburg, als wir im Halbfinale den Topfavoriten Kiel ausgeschaltet hatten.
Wie schwer fällt der Abschied?
Sehr schwer. Rolf Bechtold und Michael Roth haben mich damals nach Kronau geholt. Meine ganze Familie ist hier gewachsen. Ich habe richtig viele gute Freunde gefunden, mit denen ich abseits vom Platz häufig Tennis spielte oder angeln war. Ich habe anscheinend auch vieles richtig gemacht, das haben die Fans, die bis zuletzt mit tollen Aktionen um mich gekämpft haben, bewiesen.
Hatten Sie das Gefühl, dass Manager Thorsten Storm Sie wirklich halten wollte?
Nein. Man hat mir bis Weihnachten 2008 mehrfach deutlich gemacht, dass man mich nicht mehr wollte. Denn man hätte einfach die Option ziehen können. Mir ging es nie darum, einen Drei-Jahres-Vertrag zu unterschreiben. Zwei Jahre, das war es, was ich wollte denn mein Sohn soll 2011 in Polen in die Schule gehen. Anfang 2009 entschied ich mich dann nach Polen zurückzukehren, wo ich bei KS Kielce einen Vertrag unterschrieben habe. Dieser Verein hat seit Jahren um mich gekämpft. Bertus Servaas, der dortige Präsident, versuchte jedes Jahr auf neue mich nach Kielce zu holen, und da meine Frau aus Kielce stammt und sich dort eine berufliche Existenz aufbaut, habe ich mich für diesen Klub entschieden.
Das Verhältnis zwischen Mariusz Jurasik und Thorsten Storm soll angespannt sein...
Verhältnis? Da existiert kein Verhältnis. Mir wurde von ihm niemals gezeigt, dass er mich aus Überzeugung halten möchte. Das letzte Angebot war ein Angebot, das auf den massiven Druck der Löwen-Fans zurückzuführen war und Kielce wurde erst nach dem Final Four ein Rückholangebot unterbreitet wurde.
Angeblich hat Thorsten Storm auch zu einigen anderen Spielern nicht den besten Draht...
Die Stimmung innerhalb der Mannschaft war immer gut. Von außen lassen wir uns ohnehin nicht beeinflussen.
Was ist eigentlich an der Geschichte mit dem THW Kiel dran?
Anfangs konnte ich mir nicht vorstellen, dass Kiel eine Option für mich sein könnte. Aber durch meine guten Leistungen und aufgrund der dortigen personellen Entwicklung habe ich dort Interesse geweckt. Mein Berater hat mehrfach Gespräche mit dem THW geführt. Auch mir wurden positive Signale aus Kiel entgegengebracht. Der aktuelle Stand ist nun aber, dass Kiel wohl Sprenger verpflichten wird, da es in Magdeburg finanzielle Probleme geben soll.
Gibt es Menschen aus dem Umfeld der Löwen, die Sie besonders vermissen werden?
Ja. Vor allem natürlich unsere tollen Fans, die uns seit Jahren unterstützen. Wobei ich mich natürlich auch noch bei ein paar speziellen Leuten bedanken muss: Rolf Bechtold und Michael Roth sowie den ehemaligen Geschäftsführern Karl-Heinz Just und Alexander Kramer. Und natürlich bei Jürgen B. Harder, bei dem ich mich am Samstag gerne persönlich bedankt hätte, aber er war leider nicht da. Aber wer weiß, vielleicht gibt es im nächsten Jahr ein Wiedersehen mit den Löwen in der Champions League, und natürlich freue ich mich auf jeden Löwen-Anhänger, der mich in meiner neuen Heimat Kielce besucht. Aber manchmal kommt es im Leben sowieso anders als man denkt. (Lacht)
Existiert noch ein spezielles Ziel für die letzten Jahre ihrer Karriere?
Nun ja, ein Sportler will natürlich immer Titel gewinnen. Dies kann ich mit Kielce sicher realisieren. Aber auch mit Kiel hätte ich dies geschafft deshalb habe ich mich überhaupt sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt.
Im Gegensatz zu so manch anderem Spieler wurde ihnen auf der Löwen-Homepage keine Abschiedsgeschichte gewidmet. Auch im letzten Hallenheft kamen Sie nicht vor. Schmerzt das?
Kein Kommentar!