25.03.2007 - Oliver Schulz
Tradition versus Tempo: Duell der Giganten in der Champions League
Dirigent bei San Antonio: Ivano Balic
Foto: Christian Ciemalla
Es ist angerichtet. Wenn sich der THW Kiel am Sonntagnachmittag in der Universitätssporthalle zu Pamplona mit Portland San Antonio misst, stehen sich nicht nur zwei Tabellenführer gegenüber. Vielmehr treffen zwei europäische Spitzenmannschaften aufeinander, die geradezu gegensätzliche Philosophien verfolgen, die auf dem Parkett in ganz unterschiedlichen Spielstilen zum Ausdruck kommen. Das Ziel ist das gleiche. Der Einzug ins Finale der Königsklasse. Dort scheiterte Portland letztes Jahr zweimal deutlich an Ciudad Real, der Übermannschaft also, die man jüngst souverän aus dem Wettbewerb beförderte.
Dirigent beim THW Kiel: Stefan Lövgren
Foto: Frank Schischefsky - fotos-kiel.de
Am Dienstagabend verteidigte Portland die Tabellenführung durch einen glanzlosen 32:29 Heimsieg gegen den ambitionierten EHF-Cup-Halbfinalisten CAI Aragon. Dabei tat sich der Favorit schwerer als erwartet. San Antonio kontrollierte die Partie zwar über weite Strecken und lag dementsprechend ständig in Führung. In der Schlussphase ließ allerdings die Konzentration nach, und die Gäste hielten bis zur Sirene ungeachtet des Rückstands verbissen dagegen.
Kontrollierte, glanzlose Generalprobe San Antonios
Den offensiveren Beginn erwischten die Mannen um Ivano Balic, der seinen grippalen Infekt aus der Vorwoche auskuriert hatte, und gingen mit 4:1 in Führung (5.). Aragon legte seine anfängliche Schüchternheit ab und konnte nach zwölf Minuten zum 7:7 ausgleichen. Die Gäste agierten jetzt druckvoller nach vorn, gerieten allerdings in Unterzahl, so dass sich die „albiazules“ der Bestürmung zunächst entziehen konnten. Schwächen in San Antonios Angriff und ein gut haltender Gästekeeper Hernández, der insgesamt vier Strafwürfe entschärfte, hielten die Partie bis zur 25. Minute offen (12:11). Angetrieben von Balic, den die Gerüchteküche jüngst mit Ciudad Real in Verbindung brachte, gelangen dem Heimteam bis zur Pause noch fünf Tore. So konnte Portland doch noch einen beruhigenden Vorsprung von vier Treffern mit in die Kabine nehmen (17:13).
Dank der beiden besten Heimschützen des Abends, Lozano und Ruesga, behielt der Favorit auch nach dem Wechsel die Kontrolle über das Überraschungsteam der Liga. Zu Beginn der Schlussviertelstunde hatten sich die Männer in den blauen Trikots mit den gelben Streifen einen Sechs-Tore Vorsprung herausgeworfen (28:22; 47.). Dennoch war die Partie alles andere als entschieden. Die Gäste aus der Nähe von Saragossa kämpften sich innerhalb von nur sechs Minuten auf zwei Treffer heran (28:26) und verbreiteten Unsicherheit in der mit 1500 Zuschauern nur halb gefüllten Sporthalle der Öffentlichen Universität UPNA. Nach einer Auszeit von Trainer Equisoain stellte erneut Balic mit seiner Erfahrung die Ruhe wieder her und ließ Portland schließlich die Tabellenführung gegenüber Ciudad Real verteidigen.
Einziges Ligateam ohne Niederlage
Die Mannen von Zupo Equisoain bleiben nach den Siegen in Granollers und gegen Aragon weiterhin als einzige Mannschaft der Liga ungeschlagen. Aus 21 Partien resultierten bislang 19 Siege und zwei Unentschieden. Angesichts der Zahl geworfener Tore (662) war nur der frischgebackene Copa del Rey-Gewinner Barcelona noch offensiver (687). In der Abwehr mussten Lozano & Co. lediglich 539 Gegentreffer hinnehmen. Nur Ciudad Real (524) und Ademar (535) kassierten noch weniger.
Liga jetzt erst einmal vergessen
Die letzten Punkte blieben also in heimischer Halle, bis dahin sei es aber ein hartes Stück Arbeit und schwerer als erwartet gewesen, kommentierte die Tageszeitung „Noticias de Navarra“. Man habe ein gutes Spiel gemacht. Aber es sei zu einer Verflachung gekommen, als man mit fünf Toren vorne lag, fasste Equisoain im Hinblick auf die vier vergebenen Siebenmeter und mehrere ausgelassene klare Chancen zusammen. Später habe die Mannschaft dann aber reagiert. Dem Gegner sei nie der Ausgleich geglückt.
Die Devise dabei sei gewesen: gewinnen, Punkte einstreichen und dann die Liga vergessen. Jetzt denke man an Kiel. Man werde sich gut auf die Partie vorbereiten, da sie schließlich wichtig sei, fuhr der Coach fort.
Kjelling erneut angeschlagen
An der Überlegenheit gegen Aragon änderte auch das erneute verletzungsbedingte Ausscheiden Kristian Kjellings in der 38. Minute nichts. Der Halblinke war erst kurz vor Spielbeginn von seiner Adduktorenzerrung im rechten Bein genesen, die er sich im Viertelfinale der Königsklasse gegen Ciudad Real zugezogen hatte. Diese sei wieder aufgebrochen, und nachdem er Schmerzen gespürt habe, habe er die Spielfläche verlassen, erläuterte der Norweger der Zeitung.
Hinter seinem Einsatz am Sonntag steht nach Aussage von Vereinsarzt Javier Aquerreta zur Stunde noch ein Fragezeichen. Auch nach dem Training am Freitag war sein Einsatz gegen den THW noch nicht endgültig entschieden. Alles deute aber darauf hin, dass der Halblinke mitspielen könne, meldete „Deportes de Navarra“ am Samstagmorgen.
Der aus der Umgebung von Oslo stammende Shooter mit der Nummer 51 möchte natürlich nur allzu gern auflaufen und versicherte, alle würden gegen Kiel punktgenau ganz auf der Höhe sein. Diesen Optimismus teilte auch der gegen Aragon überragende Mittelmann Carlos Ruesga Pasarin. Das Spiel gegen den THW werde sehr kompliziert, und Portland müsse gleich zu Beginn hochkonzentriert zur Sache gehen. So wie man es schon gegen Ciudad Real getan habe. Mal sehen, ob man sich dann einen guten Vorsprung herausspielen könne, verriet das 21-jährige Talent der Zeitung „Noticias de Navarra“.
Tomas Svensson erneut entscheidender Faktor?
Die Kieler Schwedenfraktion wird in der Sporthalle der Öffentlichen Universität UPNA auf einen altbekannten Landsmann treffen. Tomas Runar Svensson hatte großen Anteil an den souveränen Auftritten gegen Ciudad Real im Viertelfinale. Ginge es nach dem Willen des 38-jährigen, soll es gegen die Kieler morgen wieder so sein. Der Routinier hat sich gewissenhaft auf den Großkampftag vorbereitet.
Der schnelle Spielrhythmus des THW verlange von ihm ein besonderes Maß an Konzentration. Trainer Equisoain versuche in diesen Tagen - wie immer - Schwachstellen in der besten deutschen Mannschaft der letzten 15 Jahre auszumachen. Getrieben vom Hunger auf den noch fehlenden Titel sei Kiel besonders gefährlich, jetzt wo es um den Einzug ins Finale gehe. Wenn es gelänge, die Zebras nicht ihre gewohnten schnellen Tore erzielen zu lassen, würden sie nervös.
Um ins Finale vorzustoßen, müsse San Antonio 105 Minuten sehr gut spielen. Aber auch in der verbleibenden Viertelstunde müsse die Truppe versuchen, ihr Bestes zu geben. Lücken in der Konzentration und schlechte Momente gebe es schließlich immer mal bei solchen Aufeinandertreffen. Und der THW sei im Bestrafen von Fehlern ein Meister.
Im Vergleich zum Viertelfinale gegen Ciudad Real sei man jetzt eine Stufe weiter. Daher sei Kiel auch mit besonderer Vorsicht zu genießen. Auch die Fans müssten deshalb noch stärker hinter ihnen stehen, als die das gegen die Königlichen ohnehin schon getan hätten. Und schließlich warteten am kommenden Freitag in der Ostseehalle gut 10.000 gegnerische Fans, appellierte der Schwede gegenüber „Deportes de Navarra“ an die blauweißen Anhänger.
Slowenisches Wiedersehen - Kurze Zwangspause für Vugrinec
Das in der slowenischen Presse mit Interesse bedachte Aufeinandertreffen der beiden Nationalspieler Vid Kavticnik und Renato Vugrinec sollte voraussichtlich stattfinden. „Noticias de Navarra“ schrieb das überraschende Fehlen des ehemaligen Magdeburgers gegen Aragon einer beim Training am Montag erlittenen Verletzung zu. Nach einem harten Schlag an den Kopf habe Vugrinec sich ärztlich untersuchen lassen und über Übelkeit und Kopfschmerzen geklagt.
Weder der Slowene, noch Kjelling nahmen am Mittwoch am Mannschaftstraining teil. An diesem Tag stand zudem in den Räumen der Universität knapp eine Stunde lang Videostudium eines Kieler Champions League Spiels auf dem Programm. Sowohl Vugrinec als auch Kjelling werden jedoch bis Sonntag im Team zurückerwartet.
Gegensätzliche Spielkulturen prallen aufeinander
Beim Duell der Tabellenführer der beiden besten Ligen der Welt träten am Sonntagnachmittag zwei europäische Giganten gegeneinander an - und das mit grundverschiedenen Waffen, analysierte „Deportes de Navarra“. Der eine verfüge über eines der besten Abwehrbollwerke Europas, der andere über den vielleicht besten Angriff. Im Kampf um den Finaleinzug, den auch der spanische Sender La2 zeigen wird, prallten geradezu zwei gegensätzliche Philosophien aufeinander.
So sei das eigene Spiel eher traditionell und das der Kieler eher innovativ. Nun müsse man sehen, wer von den beiden das bessere Heimspiel bestreite. Derjenige, der sich weniger Fehler leiste, werde das glücklichere Ende für sich haben, äußerte Demetrio Lozano, von 2001 bis 2004 THWler vom nicht vorhandenen Scheitel bis zur Sohle, gegenüber dem Blatt.
San Antonio werde sein äußerst kompaktes Abwehrbollwerk um Juancho Perez, Jörgensen und Dominikovic in die Waagschale werfen. Es zähle sowohl in der Liga Asobal als auch auf europäischem Parkett zu den Besten überhaupt. Dahinter stünden mit den Skandinaviern Tomas Svensson und Kasper Hvidt zwei Topleute zwischen den Pfosten.
Auf diese Abwehrmauer komme allerdings in Kürze Schwerstarbeit zu: Kiel sei nämlich eine echte Tormaschine, der es schlicht und ergreifend darauf ankomme, mehr Tore als der Gegner zu werfen. Um dies zu erreichen, zwinge der THW dem Spiel ein irres Tempo mit geradezu überfallartigen Anwürfen auf. Portland müsse seine Wechsel zwischen Abwehr und Angriff genauestens abstimmen, um diese Vorstöße abfangen zu können.
Besondere Torgefahr in der physisch starken Mannschaft strahlten die beiden Halben Andersson und Karabatic sowie Kreisläufer Ahlm aus. Im Angriff ziehe Lövgren die Fäden, während Torhüter Omeyer die Abwehr stabilisiere.
Kjelling sieht Chancen bei 50:50
Kristian Kjelling, der in der vergangenen Woche auf Grund seiner Adduktorenverletzung Zeit für einen Chat mit gut 100 Fans fand, bezifferte Portlands Chancen auf die Finalteilnahme auf 50 Prozent. Kiel sei eine komplette Truppe mit sehr guten Spielern, die ein sehr schnelles Spiel gewohnt seien. Das Rückspiel in der Ostseehalle werde sehr schwer. Daher müsse man sein Bestes geben, um weiterzukommen, meinte der Norweger, der sich mit Ivano Balic bei Auswärtsspielen das Zimmer teilt und das Zusammenspiel mit dem genialen Mittelmann regelrecht zu genießen scheint.
Dominikovic warnt vor Annahme der Kieler Spielweise
Davor Dominikovic, neben „Deme“ Lozano zweites Ex-Zebra in Reihen der Spanier, warnte angesichts der unterschiedlichen Anlagen beider Teams davor, sich auf das Spiel der Kieler einzulassen. Der THW greife mittels seiner pfeilschnellen Vorstöße sehr oft an, werfe häufig und laufe sehr viel. Im Schnitt erziele das Team 35 Tore pro Spiel. Demzufolge müsse San Antonio sehr wachsam sein. Es gelte, so gut wie nur irgend möglich zu verteidigen, um die Zahl der Gegentore in Grenzen zu halten - egal wie. Denn darin liege der Schlüssel zum Erfolg.
San Antonio müsse seinerseits versuchen, den Gegner unter Druck zu setzen. Man müsse ihm den Rhythmus der Spanier aufzwingen und dürfe nicht etwa dem Kieler Spiel verfallen. Dieses nämlich entspreche überhaupt nicht der eigenen Art zu spielen, und man könne dadurch Schaden erleiden, kommentierte der Kroate gegenüber „Marca“. Auf die Frage nach einem guten Ergebnis, das nötig sei, um mit einer gewissen Ruhe nach Deutschland zu reisen, wollte er sich allerdings nicht festlegen.
Man habe großen Respekt vor den Zebras. Schließlich sei bekannt, dass sie über großartige Spieler und einen guten Trainer verfügten. Zvonimir Serdarusic sei nach 14 oder 15 Jahren dort eine regelrechte Institution. Seit einigen Jahren sei die Truppe nun schon auf der Jagd nach dem Titel der Königsklasse, der ihnen bislang noch fehle. Portland werde alles dafür tun, Kiel bei diesem Vorhaben ein weiteres Jahr auszubremsen, fuhr der Abwehrspezialist fort, der in der Saison 2002/03 selbst noch in Schwarzweiß auflief.