„Das Zauberwort heißt Kontinuität“
ERSTELLT 27.08.07, 20:10h
Morgen (20.15 Uhr) startet der VfL Gummersbach mit einem Heimspiel in der Kölnarena gegen die Rhein-Neckar Löwen in die neue Handballsaison. Vor dem Auftakt besuchte VfL-Trainer Alfred Gislason die Rundschau-Sportredaktion zum Interview.
Herr Gislason, die Vorbereitung auf die neue Spielzeit war alles andere als sorgenfrei. Und morgen geht es gleich gegen ein absolutes Top-Team. Wie ist denn Ihr Bauchgefühl?
In der Tat hatten wir sehr schwierige Bedingungen. Zeitweise waren sechs Spieler verletzt. Da ist natürlich keine optimale Vorbereitung möglich. Allerdings bin ich nicht der Typ, der lamentiert. Vielmehr versuche ich, die Dinge positiv anzugehen: Weil die Verletzungen ausschließlich die „alten Spieler“ getroffen haben, bekamen unsere Neuen direkt viele Spielanteile und konnten vor allem unsere taktischen Varianten und Systeme im Wettkampf erlernen. Gegen die Rhein-Neckar Löwen werden wohl nur noch unsere beiden Außen Gudjon Valur Sigurdsson und Vedran Zrnic fehlen. Generell gilt aber: Wenn alle Jungs bei uns an Bord sind, haben wir eine gute Mannschaft. Es sollten aber möglichst alle gesund bleiben.
Kiel oder Hamburg scheinen dennoch ein Stück voraus . . .
Sagen wir mal so: Kiel und der HSV haben ganz andere Möglichkeiten und sind deshalb auch in der Breite extrem gut besetzt. Wir haben im Vergleich zum Vorjahr zwar jetzt auch mehr Alternativen. Doch dieses Mal müssen wir mit dem Verlust von Daniel Narcisse den Abgang eines Superspielers verkraften. Wir müssen und wir können das kompensieren. Auch wenn uns Daniel mit seinen leichten Toren und seiner Dynamik fehlen wird. Und dennoch: Für unsere Möglichkeiten haben wir gut eingekauft. Ich kann nicht darüber jammern, was ich nicht habe, sondern arbeite mit denen, die ich habe.
Als Sie beim VfL unterschrieben haben, hatten sie freilich andere Ambitionen . .
Sicher waren die Aussichten damals andere. Das Ziel war, in zwei, drei Jahren ein ernsthafter Konkurrent des THW Kiel zu sein. Danach sieht es im Moment nicht aus. Aber das gilt bis auf den HSV auch für alle anderen. Der THW hat sich über viele Jahre mit Trainer, Manager und Fans zu einem sehr, sehr kompakten Club entwickelt, mit großen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Alle Spieler, an denen ich in den letzten fünf Jahren Interesse hatte, spielen inzwischen beim THW. Um dahin zu kommen, müssen wir langfristig besser arbeiten. Das Zauberwort heißt Kontinuität.
Die Chance scheint da zu sein, gerade nach der tollen WM. Ein Traditionsclub wie der VfL müsste viel Interesse auf allen Ebenen geweckt haben . .
So ist es im Prinzip auch. Zumal wir jetzt in der Stadt spielen, wo während der WM riesige Euphorie herrschte, und in der Halle, in der Deutschland Weltmeister geworden ist. Umso unglücklicher war es, dass danach bei uns einige wichtige Sponsoren in Schwierigkeiten geraten sind.
Es gab freilich auch interne Querelen, wie haben Sie das empfunden . .
Streitigkeiten innerhalb des Clubs waren der Hauptgrund, dass ich Magdeburg nach sieben Jahren verlassen habe. Ich dachte, ich würde zu einem ganz ruhigen Verein wechseln und dann passierte quasi das gleiche wie dort, wo ich herkam. Ich muss schon sagen, dass mich das Theater in der letzten Saison sehr gestört hat. Gerade in der sensiblen Phase, in der es um Neuverpflichtungen ging. Zwei, drei Monate gingen ins Land, in denen keine Entscheidungen getroffen werden konnten. So was kann zwei Jahre in der Planung kosten. Ich denke aber, dass diese Phase jetzt ausgestanden ist und alle auf derselben Seite in den Schützengräben liegen. Ich setzte da viele Hoffnungen in den neuen Aufsichtsrat.
Halten Sie es angesichts dieser Erschwernisse für möglich, in Gummersbach ähnlich lange zu arbeiten wie in Magdeburg?
Grundsätzlich ja. Für mich ist es kein Problem, wenn wir nicht jeden Spieler kaufen können, den wir wollen. Es macht mir auch Spaß, ein Team aufzubauen. Das wäre dann ein sehr kreativer Job. Dafür muss ich aber die Möglichkeit haben, die größten Handballtalente zum VfL zu holen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, so lange zu bleiben, wenn wir nicht bessere Trainingsbedingungen erhalten.
Konkret?
Teilweise hatte ich morgens keine Halle. In meinem ersten Jahr beim VfL hatte ich dafür noch ein gewisses Verständnis, weil ich kurzfristig gekommen bin. Vor dieser Saison hatte die Stadt dann zugesagt, dass wird die gewünschten Zeiten bekommen. Als wir dann kamen, war die Halle komplett belegt. Da ärgerst du dich schwarz und fragst dich: ,Will diese Stadt überhaupt ein Bundesligateam haben. Inzwischen haben wir aber einen Kompromiss gefunden.
Hallenprobleme gibt es künftig zumindest bei den Spielen nicht mehr. Der VfL trägt mindestens 20 Partien in der Kölnarena aus. Ein Vorteil?
Ich hoffe, es wird ein Vorteil!
Warum so skeptisch?
Als ich früher mit dem SC Magdeburg in Köln antreten musste, hatte man den Eindruck, dass die Hälfte der Fans bis zur Pause gar nicht wusste, wer das Heimteam war. Mit Heimspielatmosphäre wie in Flensburg, Magdeburg oder in Kiel, in der auch mal eine knifflige Schiri-Entscheidung für dich ausfällt, hatte das nichts zu tun. Durch die Karnevalslieder herrschte eher Partystimmung. Allerdings ist das deutlich besser geworden. Langsam entsteht Handballatmosphäre in der Kölnarena.
Wie geht es morgen gegen die „Löwen“ aus?
Trotz der Personalsorgen sehe ich eine Chance. Wir brauchen eine gute Deckung, starke Torhüter und die Hilfe der Fans. Dann kann es klappen. (ukl)