Interview mit Handball-Ligachef
Mehr Wachstum birgt mehr Risiken
ERSTELLT 02.06.08, 22:51h
Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, spricht über den Zustand des Handballsports in Deutschland. Nach dem zurückliegenden Rekordjahr ist er zuversichtlich, sieht jedoch auch finanzielle Gefahren für einige Clubs der Liga.
Als Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL) hat Frank Bohmann kaum Freizeit. Kein Wunder, dass er vor dem Gespräch mit Martin Sauerborn seine Vorfreude auf den Urlaub im Juli kundtut.Herr Bohmann, wo führt Sie Ihr Jahresurlaub hin?
Es geht mit der Familie in die Schweiz, nach Graubünden.
Ist die vergangene Saison in der Handball-Bundesliga so gelaufen, dass Sie mal vom Geschäft abschalten können?
Ja, das wird gelingen und ist nötig. Es war eine intensive und erfolgreiche Saison, die uns einen Schritt nach vorne gebracht hat.
Was ist Ihnen besonders positiv in Erinnerung geblieben?
Die Einführung unseres Jugendzertifikats, das auf enorme Resonanz bei den Vereinen gestoßen ist. Von 54 Clubs in der 1. und 2. Bundesliga haben sich 2008 39 für ein Zertifikat beworben. 28 haben es erhalten, darunter auch Meister Kiel, für den die Nachwuchsarbeit davor nicht zu den obersten Prioritäten gehörte.
Woran lässt sich der Erfolg des Zertifikats noch festmachen?
Der Markt für A-Trainer, eine Bedingung für das Zertifikat, ist leergefegt und es sind weitere Handball-Akademien wie zum Beispiel in Großwallstadt entstanden oder in Planung wie in Melsungen.
Welche Entwicklung stimmt Sie außerdem freundlich?
Die Partnerschaft mit Liga-Sponsor Toyota läuft dank harter Arbeit gut. Sie ist ein Mosaikstein dafür, dass der Umsatz der Clubs von 55 Millionen Euro 2007 auf 75 Millionen in 2008 gestiegen ist.
Wofür geben die Vereine das Mehr an Geld aus?
70 Prozent der Etats fließen in die Spielergehälter. Wenn sich die Budgets positiv verändern, schlägt sich das auf den Konten der Spieler nieder.
Apropos Geld, das Lizenzierungsverfahren ist gelaufen. Es gibt einige Sorgenkinder . . .
Ja, das stimmt. Denn Wachstum birgt auch Risiken. So hat Zweitligist SG Achim-Baden keine Lizenz erhalten, im Fall von Dessau läuft ein Berufungsverfahren gegen unseren Negativentscheid. In der 1. Liga habe alle Clubs die Lizenz erhalten, aber wir haben Auflagen und eine Bedingung ausgesprochen.
Was ist mit Gummersbach?
Der VfL muss vor der endgültigen Vergabe der Lizenz einen Nachweis erbringen.
In Gummersbach spricht man von keinem größeren Problem, es handle sich um Altlasten.
Auch Altlasten sind Schulden, die geschultert werden müssen. Das darf man nicht lapidar abtun. Dem VfL liegen unsere Anforderungen vor. Mit Claus Horstmann haben sie einen Topmann hinzu gewonnen, der alle Baustellen erkannt hat. Das ist gut, denn der VfL Gummersbach ist einer unserer bekanntesten Clubs, ein wichtiger Eckpfeiler im Westen.
Was steht noch auf Ihrer Agenda für die kommenden Jahre?
Wir wollen unsere TV-Präsenz im In- und Ausland weiter ausbauen und die Individualvermarktung der Spieler forcieren. Ferner geht es darum, die Hilfe der neuen Technologien wie Internet und Handy die Zielgruppe der 14- bis 24-Jährigen weiter zu erschließen. Hier liegt uns Potenzial.
Am 21. Juni wählen die HBL-Gesellschafter einen neuen Vorstand und einen neuen Aufsichtsrat. Ist mit Veränderungen zu rechnen?
Es wird wohl einen großen Umbruch geben, zumal wir diesmal mehr Kandidaten als Ämter haben. Das Ziel aber bleibt, alle Gesellschafter auf eine Linie zu bringen, dass sie alle für die Fortentwicklung der Liga engagieren.
Ein Beispiel . . .
Es gilt einen Konflikt zwischen der Liga und dem europäischen Verband zu entschärfen. Wir wollen, dass die Liga am Wochenende die größte Präsenz hat und die europäischen Wettbewerbe am Mittwoch gespielt werden. Der Verband will aber, dass die Spiele von Mittwoch bis Sonntag stattfinden. Das birgt einen Riesenkonflikt, der uns Probleme mit den TV-Sendern beschert, die am Wochenende möglichst viele attraktive Ligaspiele zeigen wollen. Jetzt gilt es unsere Ziele durchzusetzen, dafür erwarte ich die volle Unterstützung aller Gesellschafter.