Interview
„Die Perspektive stimmt jedenfalls“
ERSTELLT 15.07.08, 21:56h
Am Donnerstag beginnen die Handballer des VfL Gummersbach ihre Vorbereitungen auf die kommende Bundesligasaison. Vor dem Start sprach Ulrich Klein mit dem neuen VfL-Trainer Sead Hasanefendic.
Herr Hasanefendic, Sie waren schon einmal Trainer des VfL: Als die „Ehe“ 2004 zu Ende ging, folgte die Trennung nicht unbedingt in Harmonie. Wie groß ist denn nun die Wiedersehensfreude?
Ich hatte damals noch zwei Jahre Vertrag. Als die Saison zu Ende war, haben wir uns zusammen gesetzt und Bilanz gezogen. Obwohl der VfL erstmals nach langer Abstinenz wieder einen Platz im Europacup erreicht hatte, sind unsere Wege dann auseinander gegangen. Wir hatten einfach zu unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es weiter gehen sollte. Das gibt es im Sport. Inzwischen hat sich an der Clubspitze sehr viel getan. Ich freue mich jedenfalls auf den Job.
Obwohl sie mit einer Mannschaft arbeiten müssen, auf deren Zusammenstellung Sie keinerlei Einfluss hatten?
Es war schlichtweg unmöglich, Einfluss zu nehmen. Kurz bevor Ende Juni die Anfrage aus Gummersbach kam, war ich nämlich noch als tunesischer Nationaltrainer bei der Auslosung der WM-Gruppen in Zagreb. Ich habe in Tunesien allerdings einen Vertrag, der mir jederzeit einen sofortigen Ausstieg ermöglicht. Beim VfL habe ich zugesagt, weil ich immer noch eine enge Bindung zu der Stadt habe. Meine Lebensgefährtin wohnt hier, zudem habe ich nie den Kontakt zu dem Verein verloren. Und schließlich reizte es mich enorm, wieder in der stärksten Handball-Liga der Welt zu arbeiten. Zumal wir eine richtig gute Mannschaft zusammen haben. Ob ich Tunesien parallel zum VfL noch bis zur Weltmeisterschaft betreue, entscheidet sich wahrscheinlich im August.
Ihr Vorgänger Alfred Gislason hat Ihnen also ein vernünftiges Erbe hinterlassen?
Auf alle Fälle. Ich schätze Alfred sehr und werde mich zeitnah mit ihm unterhalten.
Was ist denn mit der „richtig guten Mannschaft“ in der neuen Saison drin?
Die Mannschaft hat ihr Gesicht stark verändert. Gerade an zentralen Stellen. Drago Vukovic beispielsweise soll auf der Mitte das Spiel machen. Viktor Szilagyi kann das ebenfalls, ist aber auch auf den anderen Rückraumpositionen ein starker Spieler. Audray Tuzolana soll Goggi Sigurdsson ersetzen, einen Weltklassemann. Das kann er als Linksaußen sicherlich über kurz oder lang. Aber Goggi ist ein Typ, der bedingungslos voran marschiert. Diese Rolle kann ein junger Spieler wie Audray natürlich noch nicht ausfüllen. Generell kommt es in der neuen Saison erst mal darauf an, dass sich die Mannschaft findet und zu einem echten Kollektiv wird.
Mit welcher Zielsetzung?
Selbstverständlich wollen wir uns erneut für den Europacup qualifizieren und im DHB-Pokal das „Final Four“ erreichen. Dazu möchte ich im EHF-Cup mindestens ins Endspiel einziehen. Danach werden wir Bilanz ziehen. Sehen, was oder wer fehlt und reagieren. Mit der einen oder anderen weiteren Verstärkung können wir dann 2009 / 10 ganz oben in der Bundesliga angreifen.
Hat man überhaupt soviel Zeit? In der Bundesliga hat sich inzwischen eine Zwei- oder gar Dreiklassengesellschaft gebildet . . .
Sehen Sie, Vereine wie Kiel, die Rhein Neckar Löwen oder Hamburg stehen für eine Politik des Geldes und können bei Bedarf fertige Spieler holen. Wir haben diese wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht und müssen einen anderen Ansatz verfolgen. Es geht darum, eine Basis zu schaffen und auf diese aufzubauen. Dazu gehört auch, dass sich die Spieler in dieser Stadt, in diesem Umfeld hier wohl fühlen und nicht nur aufs Geld schauen. Ich möchte, dass sich die Jungs mit dem VfL-Emblem und mit dem blau-weißen Trikot völlig identifizieren. Dann können wir sicher gegenhalten. Die Perspektive stimmt jedenfalls.
Welche Rolle spielt in diesem Kontext die Jugend-Akademie in Gummersbach?
Eine große. Ich werde versuchen, mich dort so weit wie möglich einzubringen.
Sie haben sich viel vorgenommen. Vielleicht zu viel?
Wichtig ist, dass man als Trainer eine klare Linie verfolgt. Es ist wie am Theater: Der Trainer ist der Regisseur, die Spieler sind die Schauspieler. Dabei gibt es Haupt- und Nebenrollen. Aber auch mit Nebenrollen kann man mal den Oscar gewinnen oder eben auch ein wichtiges Spiel entscheiden.