HANDBALL-TERMINPLAN
Weltverband unter massivem Druck
Von Erik Eggers
Es ist eine bedenkliche Verletzungsserie im Welthandball: Bei der Club-EM erwischte es mit Siarhei Rutenka einen weiteren Superstar. Verantwortlich ist der irre Terminplan der Verbände. Doch damit soll Schluss sein. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, soll sogar der WM-Rhythmus geändert werden.
Köln/Düsseldorf - Es war eine Szene, die erneut Entsetzen auslöste: Im Halbfinale der 11. Club-Europameisterschaft verletzte sich Rückraumspieler Siarhei Rutenka gestern in der Kölnarena schwer; der Halblinke vom spanischen Champions-League-Sieger Ciudad Real erlitt in der Partie gegen den russischen Meister Medwedi Tschechow (37:34) einen Muskelbündelriss im Oberschenkel. Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Deutschland (19. Januar bis 4. Februar 2007) ist damit für den 25-jährigen slowenischen Internationalen, der den weltweit härtesten Wurf besitzen soll, stark gefährdet.
Gummersbach-Profi Narcisse (r.), Lemgos Schwarzer: Es gewinnt, wer am Ende noch laufen kann
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Gummersbach-Profi Narcisse (r.), Lemgos Schwarzer: Es gewinnt, wer am Ende noch laufen kann
Schicksal ist die Verletzung Rutenkas nicht. Eine ganze Legion weiterer Weltklasseakteure ist derzeit malade. Dem Deutschen Meister THW Kiel etwa sind mit Karabatic, Kavticnik, Jeppesen und Szilagy gleich vier Stammkräfte ausgefallen, Vizemeister Flensburg muss derzeit die schweren Knieverletzungen von Behrens und Strygers kompensieren. Und auch dem TBV Lemgo fehlen zwei Schlüsselspieler. Nationalrechtsaußen Florian Kehrmann (Mittelhandbruch) und Daniel Stephan (Schulter) konnten dem EHF-Pokalsieger gestern in Köln nicht helfen, als er das Halbfinale gegen den VfL Gummersbach (33:34) verlor. Das Finale beginnt heute um 16 Uhr.
Warum die Sportart Handball so ungewöhnlich viele Verletzungen zu beklagen hat, wissen alle Beteiligten: Es ist der brutal dichte Terminkalender. Zugelassen wird, dass Akteure wie der Serbe Momir Ilic (Gummersbach) beim WorldCup in Schweden fünf Spiele in sechs Tagen bestreiten und nur drei Tage später wieder Champions League spielen. Einige Profis bestreiten 100 Spiele pro Jahr, ohne regenerieren zu können, was Gummersbachs Coach Alfred Gislason "eine Katastrophe" nennt.
Keine Rücksicht auf die Gesundheit
Als "Mord an Spielern" hat Kiels Manager Uwe Schwenker diese Belastung einmal bezeichnet. "Das ist die Apokalypse", sagt Gummersbachs Vereinsboss Hans-Peter Krämer zu den elf Partien, die der Rekordmeister bis Silvester zu absolvieren hat. Kritisiert wird die Ignoranz der Europäischen Handballföderation (EHF) in Wien und der Internationalen Handball-Föderation (IHF) in Basel, die bisher mit dem aufgeblähten Terminkalender kaum oder keine Rücksicht auf die Gesundheit der Profis nahmen - und so die Qualität des Spitzensports erheblich senkten: Zuletzt gewann eigentlich immer dasjenige Team die WM- und EM-Finals, das am Ende noch laufen konnte.
Gewillt, diese Terminhatz zu beenden und an der Vermarktung internationaler Ereignisse teilzuhaben, haben sich am Freitag in Düsseldorf die Vertreter der 14 wichtigsten europäischen Clubs zur "Group Club Handball" (GCH) zusammengeschlossen - diejenigen also, die die Profis bezahlen. "Ich bin optimistisch, dass wir unsere Interessen durchsetzen", sagte Schwenker, als GCH-Vizepräsident neben dem spanischen Vorsitzenden Joan Marin (Ciudad Real) und dem Slowenen Tomaz Jersic (Celje) Mitglied des Vorstands ("Board"). Der Geschäftsführer der Fußball-G14, Thomas Kurth, war jedenfalls beeindruckt: Der Schweizer, der den Clubhandballern beratend zur Seite stand, hat "eine größere Aufbruchstimmung festgestellt als damals bei uns" - und glaubt an eine baldige Einflussnahme der GCH: "Im Handball sind die Verbände mehr angewiesen auf die Vereine als im Fußball."
Bevor aber die GCH ihre Forderungen auf Entzerrung des Terminkalenders überhaupt formulieren kann, ist schon Besserung in Sicht. Denn der Weltverband IHF wird seine im August gefassten Beschlüsse, die heftige Proteste auslösten, nach Lage der Dinge nicht umsetzen können. Die geplante "Weltliga für Clubteams" könne die IHF gern machen, höhnte schon vergangene Woche Magdeburgs Manager Bernd-Uwe Hildebrandt in Richtung der Funktionäre aus der Baseler Weltzentrale, "aber nicht mit uns". Und auch den Beschluss, fortan langwierige WM-Qualifikationsturniere unter eigener Regie auszutragen (bisher gab es Playoffs unter der Verantwortung der EHF), musste der ägyptische Weltverbandspräsident Hassan Mustafa nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zurückziehen.
"Ein solches Schreiben existiert nicht"
Auf einer Krisensitzung in Kuwait, die von EHF und dem afrikanischen und asiatischen Kontinentalverbänden eilig einberufen worden war, soll Mustafa laut EHF-Präsident Tor Lian kleinlaut von einem "Missverständnis" gesprochen haben: "Er tat so, als habe es diese Beschlüsse nie gegeben", so Lian zu SPIEGEL ONLINE bei der Club-EM in Köln.
Auch das Totschlagargument Mustafas, das Internationale Olympische Komitee (IOC) habe den Weltverband zu einem Olympiaqualifikationsturnier aufgefordert (andernfalls werde Handball seinen Status als olympische Sportart riskieren), hat sich Lian zufolge als falsch herausgestellt. IOC-Präsident Jacques Rogge bestätigte jedenfalls laut EHF eine entsprechende Anfrage nicht. "Ein solches Schreiben existiert nicht", so Lian, "Mustafa wollte sich nur weitere Rechte in die eigene Tasche stecken".
So wird auch dieses bereits für Juni 2008 festgesetzte Turnier sicher Gegenstand des nächsten IHF-Kongresses sein, der im April 2007 in Madrid stattfindet. Weiterhin haben die EHF-Funktionäre nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen beantragt, dass die Weltmeisterschaft künftig nur noch alle vier Jahre ausgespielt wird, und nicht mehr wie bisher alle zwei Jahre. Nicht unwahrscheinlich, dass dieses Wochenende irgendwann einmal als historisch eingestuft wird. Als Wendepunkt hin zu einer attraktiveren Sportart.