Das eigentlich Erwartete ist eingetreten: Mesut Özil spielt nicht mehr für Deutschland. Wahrscheinlich muss man sich daran gewöhnen, dass in dieser Zeit solche Meldungen nicht mehr auf Pressekonferenzen bekanntgegeben werden, sondern bei Twitter oder anderen sozialen Medien.
Wer hat nun Fehler gemacht? Alle Beteiligten denke ich...
- Mesut Özils Bild mit Erdogan an sich ist nicht wirklich bedenklich, dazu hat sich der Fußball respektive haben sich die Verbände zu oft selber instrumentalisieren lassen, auch von wesentlich kritischer zu betrachtenden Autokraten als Erdogan. Özil hätte jedoch erkennen müssen, dass der Zeitpunkt kurz vor der Wahl in der Türkei kritisch war. Nach der Wahl wäre das ganze Thema wesentlich weniger problematisch gewesen. Dass er diesen Umstand auch jetzt noch ignoriert, ist ihm anzukreiden. Dass es "nur um Fußball" gegangen sei, ist mindestens blauäugig.
- Dass sich Özil erst jetzt erklärt, nicht bereits im 'Vorfeld der WM, lag jedenfalls wenn man der Stellungnahme von Özil dazu glaubt daran, dass er mit dem DFB ein solches Vorgehen abgesprochen hatte. "Auf den Fußball konzentrieren." Dass Özil da nicht ausgeschert ist, kann ich nachvollziehen.
- Der DFB hätte das Thema von vornherein komplett anders angehen müssen: Klare Aussprache mit Özil und Gündogan, danach ein gemeinsames Statement, fertig. Nein, es wurde herumlaviert, dann sollte sich "auf den Fußball konzentriert" werden. Was ja optimal funktionierte. Und nach der WM Özil als Sündenbock zu präsentieren, war gelinde gesagt eine Frechheit und ein Armutszeugnis. Kritikfähigkeit des DFB gleich Null.
- Wenn Nationalspieler mit Migrationshintergrund "funktionieren", sind sie toll für positive Presse. Siehe Integrations-Award usw. Wenn derselbe Nationalspieler nun nicht mehr als Vorbild zur Integration dienen kann, wird er wie eine heiße Kartoffel fallengelassen.
- Reinhard Grindel hat sich öffentlich vor allem nach der WM auf eine Art und Weise verhalten, die eines DFB-Präsidenten unwürdig ist. Wenn er vor der WM die beleidigte Leberwurst gespielt hat, wie Özil es beschreibt im Zusammenhang mit dem Treffen mit Steinmeier, ist das auch schon traurig, aber wie Grindel auf den Medienzug aufgesprungen ist und Özil mehr oder weniger offiziell zum Sündenbock erklärt hat, war einfach schäbig.
- Harun Arslan, der Berater von Özil und übrigens auch Löw, hätte verhindern müssen, dass sich Özil so vor den Wahlkampf-Karren von Erdogan spannen lässt. Ihm sind die Implikationen klar gewesen bzw hätten klar sein müssen. Daher hat er letztlich die ganzen Folgen mitzuverantworten. Vielleicht kommt ja der DFB auf den Trichter, und bezichtigt nun Arslan, die Unruhe bewusst geschürt zu haben, um Deutschlands WM-Chancen zu minimieren... 
- Die Öffentlichkeit, darunter auch einige Medien, hat sich gegenüber Gündogan und Özil ziemlich mies verhalten, angefangen von den Unmutsbekundungen im Vorfeld der WM bis hin zu Drohungen und dem öffentlichen Anprangern nach der WM. Dass Özil diese Grundstimmung als rassistisch wahrnimmt, kann ich durchaus nachvollziehen.