Interview mit Leukefeld !

  • Herr Leukefeld, Sie haben sowohl Männer- als auch Frauenhandballmannschaften trainiert. Worin besteht der wesentliche Unterschied?
    Leukefeld: Bei Männermannschaften ist man der Cheftrainer, und die Spieler sind die Angestellten. Das ist bei Frauen völlig anders. Die meisten von ihnen haben normale Jobs, sie leben nicht vom Handball. Von meinen Spielerinnen könnten 80 Prozent morgen aufhören. Hinzu kommt, dass die gesellschaftliche Situation der Frauen völlig anders ist. Manche haben Familien, die von ihnen erwarten, versorgt zu werden. Ihren männlichen Kollegen dagegen halten meist Partnerinnen den Rücken frei. Ich sage immer: Die Männer kriegen das Geld, das die Frauen verdienen würden.

    Werden wir konkret: Was machen Sie bei den Miezen anders als sie es als Trainer einer Männermannschaft tun würden?
    Leukefeld: Der Ton zum Beispiel ist völlig anders. Lassen Sie es mich krass sagen: Wenn ich als Trainer bei einem Mann das Gefühl habe, dass er nicht Vollgas gibt, gehe ich zu ihm und sage: Du Arsch, streng Dich an, oder ich spring Dir ins Genick! Bei einer Frau muss man das in fünf Sätze packen, und diese Ausdrücke dürfen auf keinen Fall darin vorkommen.

    Frauen sind also empfindlicher?
    Leukefeld: Männer haben ein dickeres Fell. Für Frauen ist es viel wichtiger, dass das Umfeld stimmt. Ist das der Fall, sind sie unglaublich belastbar. Dann zerreißen sie sich, während Männer nur ihren Job machen. Man muss als Trainer einer Frauenmannschaft vorsichtiger sein und viel mehr analysieren. Ich bestehe darauf, dass mich beim Training alle Spielerinnen per Handschlag begrüßen. Da merke ich schon, wie sie drauf sind. Männer schalten ab, wenn sie zum Training kommen, Frauen nehmen viel mehr Probleme mit in die Halle. Emotional liegen Welten zwischen den Geschlechtern.

    Wie motivieren Sie Ihre Spielerinnen? Gibt es auch in diesem Punkt Unterschiede?
    Leukefeld: Bei Frauen ist es viel wichtiger, dass der Trainer ein guter Motivator ist. Sie wollen positiv verstärkt werden, hören: "Du bist wichtig! Du! Du! Du!" Männern ist das eher lästig. "Geht's raus, spielt's Fußball", hat Franz Beckenbauer 1990 nur gesagt. Das könnte man bei Frauen nicht machen.

    Was sagen Sie zu dem Vorurteil, in reinen Frauengruppen herrschten Zickigkeit und Stutenbissigkeit?
    Leukefeld: Das ist kein Vorurteil. Das Innenleben einer Frauenmannschaft ist eine sehr schwierige Angelegenheit. Es gibt Neid, Grüppchenbildung, überemotionale Reaktionen, man ist nachtragend. Es ist viel schwieriger, Probleme zu lösen, als in einer Männermannschaft. Die schließt sich mit einer Kiste Bier ein, und hinterher ist wieder alles in Ordnung. Bei den Frauen macht man eine Mannschaftssitzung. Dann redet eine, und danach reden die zehn anderen. Das liegt am Rollenverhalten: Frauen haben meist nicht gelernt, Kritik offen anzubringen.

    Was unterscheidet Frauen- und Männerhandball in technischer Hinsicht?
    Leukefeld: Bei Frauen geht es um Finesse, bei Männern um Kraft. Frauenhandball ist deshalb viel attraktiver. Wer behauptet, man könne sich das nicht angucken, ist ein handballerischer Analphabet.

    Warum spielt Frauenhandball dennoch nur eine untergeordnete Rolle?
    Leukefeld: Das ist nicht überall so. In Skandinavien etwa steht der Frauenhandball deutlich über dem der Männer. Die Rolle der Frauen ist dort aber auch weiter entwickelt. Bei uns sitzen in den Positionen, in denen Entscheidungen getroffen werden ­ etwa was Fernsehübertragungen oder Sponsorengelder betrifft ­zu 98 Prozent Männer. Es gibt hier einfach zu wenig Frauen, die positiv Einfluss nehmen könnten.

    "Sport ist Sex" ­- dieses Schlagwort trifft auf den Frauensport viel stärker zu als auf den der Männer. Wie ist das bei den Miezen?
    Leukefeld: Bei unseren Zuschauern beträgt das Verhältnis von Männern zu Frauen 3:1. Von den Dreien kommt vielleicht einer, um die Frauen zu sehen.

    Wie gehen Ihre Spielerinnen damit um?
    Leukefeld: Sie wissen das, aber das ist kein Problem. Vielleicht ist es sogar so, dass sie gut aussehen und sich darstellen wollen, dass sie es genießen, eine Bühne zu haben. Das ist ja auch eine Art, sich Anerkennung zu holen. Für manche ist das nicht unwichtig.

    Immer wieder ist zu hören, dass Homosexualität unter Profi-Handballerinnen besonders ausgeprägt ist. Stimmt das?
    Leukefeld: Nun, Handballerinnen sind zwangsläufig viel unter Frauen, sie haben ähnliche Interessen und bringen sich viel Verständnis entgegen. Daraus entstehen manchmal eben mehr als Freundschaften. Vielleicht kommt hinzu, dass es für Frauen schwer ist, einen Partner zu finden, der ihr sportliches Engagement mitträgt. Männer haben es da einfacher. Ich kenne keinen homosexuellen Mann im Handball. Die sexuelle Ausrichtung ist Sache jeder einzelnen, und ich sehe kein Problem, solange dadurch keins in in der Mannschaft entsteht. Oft finden sich Lesben in bestimmten Vereinen zusammen. Aber man kann das nicht generalisieren: In manchen Mannschaften liegt der Anteil homosexueller Spielerinnen bei null, in anderen beträgt er mehr als 50 Prozent.