Der wahre ewige Zweite

  • Diesr Essaywar heute in der Süddeutschen Zeitung zu finden:

    Das Streiflicht

    (SZ) Es gibt diese Sonntage im Frühjahr, an denen man so viel unternehmen könnte, es aber einfach nicht tut. Mal wieder joggen gehen. Mal im Haushalt helfen. Sich eine Ausrede einfallen lassen, um dem vegetarischen Abend bei den Nachbarn zu entkommen. Aber die Nachbarn werden einem niemals glauben. Also steht man da, sieht hinaus in den Regen und grübelt, warum die Welt heute so verkehrt ist. Man muss abends Grünkernpflanzerl essen. Und Leverkusen, das immer so schön spielte, hat schon wieder einen Titel verkickt und weint. Wenn die FDP dagegen weint, dann aus Verzückung über sich selbst. Paradoxerweise verdanken die Liberalen ihren plötzlichen Erfolg dem Umstand, dass ihr

    Erscheinungsbild immer marxistischer wird. Sie wollen den Staat abschaffen, wedeln auf ihrem Parteitag unentwegt mit Fähnchen, sie rufen seltsame Parolen wie „18 Prozent!“, verzichten auf Gegenstimmen und bejubeln einen Parteichef, dessen Verheißungen so wirklichkeitsnah sind wie der letzte Fünfjahresplan des SED-Politbüros. Das alles soll ihnen helfen, wieder zu werden, was sie waren, nämlich ewiger Dritter, womit sie aus guten Gründen zufrieden sein dürften.

    Leverkusen aber ist der ewige Zweite und keineswegs zufrieden. „Der Jüngling ist übel dran“, schrieb Heinrich Heine über den Brautwerber, der die entscheidende Gelegenheit verpasst: „Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei.“ Ach Bayer

    Leverkusen, Meister nur der Tränen, du bist übel dran. Wenn es darauf ankommt, stehst du vor dem Tor und scheust die entscheidende Tat, gleich dem Jüngling im Angesicht der Holden. Ein schwacher Trost mag sein, dass sich im Club der ewigen Zweiten nicht die schlechteste Gesellschaft findet, trotz der Anwesenheit von Jürgen Möllemann und Franz Josef Strauß. Da ist aber noch der nette Prinz Charles und der Opel Astra, nach dem Urteil der Fachpresse „ewiger Zweiter der Marktführerschaft“. Und natürlich die Mutter aller ewigen Zweiten, die SG Flensburg-Handewitt, deutscher Handball-Vizemeister 1996, 1997, 1999 und 2000, vielfacher Vizepokalgewinner und Vizeeuropapokalsieger.

    Die Fans der Flensburger haben übrigens ein Dossier der Begründungen zusammengestellt, mit denen der Verein über die Jahre sein stetes Scheitern in letzter Sekunde erläuterte: Die Halle war zu warm. Der Boden war zu nass. Die Spieler haben Angst vor der Ostseehalle. Der Schiedsrichter war zu schlecht gelaunt, weil er vorher im Elbtunnel im Stau steckte. Wir haben zu viele Torhüter. Ständiges Handballspielen ist zu anstrengend. Die Zuschauer waren zu laut. So bleibt Leverkusen nicht einmal ein

    Ehrentitel, denn der gebührt allein der SG Flensburg-Handewitt: ewiger Erster als Meister der Ausreden.